Wer sein Auto liebt

Wenn du dein Auto liebst, gehst du zu Fuß

Es hat mich verlassen, ist gegangen, einfach so – mein fahrbarer Untersatz, mein geliebtes Auto. Fast genau 40 Jahre lang war ich ständig stolze Besitzerin flotter Vehikel, vorzugsweise in der Farbe rot, ein paar PS mehr als nötig und einer ordentlichen Musikanlage.

Plötzlich und unerwartet

Mitte August, vor genau einem Jahr, hat sich nun mein wunderbares Fahrzeug von mir verabschiedet. Von jetzt auf gleich, ohne Vorwarnung:

Natürlich erst nach dieser sündhaft teuren Inspektion. 2 Tage Werkstattaufenthalt hatte es geduldig und ohne Klagen über sich ergehen lassen.

Natürlich erst, als es sich mit dieser farbenprächtigen neuen TÜV-Plakette schmückte.

Natürlich erst, als ich felsenfest davon überzeugt war, dass wir den Rest unseres mobilen Lebens gemeinsam verbringen würden – zwei Oldtimer auf der Überholspur.

Darüber war ich echt sauer. Verhält man sich so als gutes Auto zu seiner Eigentümerin? Ein bisschen mehr Dankbarkeit hatte ich schon erwartet. Aber nein, es blieb auf der Autobahn liegen und mußte abgeschleppt werden. Hervorragend geschultes Kfz-Fachpersonal erstellte nach liebevollen Untersuchungen eine Diagnose, warum es nicht mehr weiterfahren konnte. Und dann stand ich vor einer schweren Entscheidung: Enorm kostspielige Reparatur (Ich hätte mir zu diesem Preis einen neuen kleinen Flitzer kaufen können) oder loslassen und verschrotten.

Das äußerst gewagte Experiment „Ein Jahr ohne Auto“

Die Werkstatt-Menschen waren sehr nett, ließen mir Zeit zum Überlegen, die ich auch nutzte, obwohl mir sofort der Gedanke durch meine Hirnwindungen schoß, dass das die Gelegenheit ist, mal einen Versuch ohne fahrbaren Untersatz zu wagen, sozusagen als Trockenübung für spätere Zeiten, wo die lieben Angehörigen darauf warten, dass du endlich den Führerschein abgibst, bevor! du größere Schäden anrichtest. Ich stellte es mir als spannendes Experiment vor, meine Mobilität anders zu denken.

Aus Erfahrung weiß ich,

  • wie oft man den betagten Menschen, auch scherzhaft Methusalem genannt, dezent darauf hinweist, dass es an der Zeit wäre, mal über ein Leben ohne Auto nachzudenken.
  • wie oft man erwähnt, wieviel Geld die älteren Herrschaften sparen würden, wenn sie sich von ihrem Fahrzeug trennen. Nebenbei werden die Vorzüge von Taxis, Nahverkehr und Zügen in den höchsten Tönen gelobt.
  • wie oft ich mich auf öffentlichen Parkplätzen wundere, wenn der in die Jahre gekommene Mensch, sich mit ächzenden Gliedern in sein Auto schwingt und fröhlich davonfährt.
  • wie die Best Ager mit einem unversehrten Auto wegfahren, um schnell was zu erledigen und mit „kleinen“ Kratzern an demselben wieder zurückkehren.
  • wie sehr man bibbert und hofft, dass es nur bei diesen Dellen bleibt und kein Menschenleben jemals davon betroffen ist.
  • dass man irgendwann Nägeln mit Köpfen machen muss und den Senior ganz klar darauf hinweist, dass er eine Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer ist und es höchste Zeit wird, das Auto abzugeben.

Ohne Auto bin ich ein Nichts

Ich habe also schweren Herzens meinen BMW zum Schrottpreis an einem lieben Freund verkauft und ganz bewusst kein neues Vehikel angeschafft. Nun stand ich da ohne fahrbaren Untersatz, welcher doch so immens wichtig im Leben ist, der gehätschelt, gepflegt und geliebt wird, für den man Kredite aufnimmt und sich notfalls verschuldet. Ich stand da, ohne Auto, diesem strahlenden Symbol für Wohlstand, Sicherheit und „seht-was-ich-geschafft-habe-im-Leben“. Ich stand einfach da – ein Nichts, an der Grenze zur Armut.

Ade grenzenlose Freiheit, Spontanität und Mobilität

Ich bin mit sehr gemischten Gefühlen in dieses Experiment gestartet. Ich wußte, dass jetzt kein Auto mehr vor der Tür steht, in das ich springen konnte, um schnell etwas zwischendurch zu erledigen. Alles kostete mehr Zeit, mehr Planung, mehr Absprache und war ziemlich nervig. Mein Terminkalender wurde schlicht auf den Kopf gestellt und mehr als einmal war ich drauf und dran, aufzugeben.

Im Herbst wurde mein bis dahin äußerst wankelmütiges Experiment mit dem zufällig gezogenen Jahresmotto „Langsamkeit“ untermauert. Was wollte mir die Intuition damit sagen?

  • Zieh endlich deine Sieben-Meilen-Stiefel aus und gewöhne dir eine langsamere Gangart an.
  • Konzentriere dich auf Menschen, Projekte oder Sachen, die du magst und dir Freude bereiten.
  • Wähle sorgfältig aus und triff klare Entscheidungen für Dinge, die dir wirklich wichtig sind. Du brauchst nicht auf allen Hochzeiten tanzen.
  • Streich dein Lieblingswort „Zack“ aus dem Vokabular, es ist kontraproduktiv für dein Experiment.
  • Gib Verantwortung ab, andere können auch was.
  • Nimm dir die Zeit und lass dich nicht von ihr vereinnahmen. Du bestimmst deinen Lebensrhythmus.

Versuchung und Widerstand

Der Anfang war schwer, wurde jedoch überbrückt von der Hoffnung, dass das Fahrzeug doch noch reparabel wäre. Zum Winter habe ich mir vorgerechnet, wieviel Geld ich spare ohne Auto. Es war enorm. In meinen Träumen haute ich diese Ersparnisse in sonnigen Gefilden auf den Kopf. Sie sind dann für Renovierung und ein paar Möbeleinkäufen für die kleinere Wohnung draufgegangen. Frau will es schließlich schön haben. Als Fastenaktion sprang mich das Wort „Gehen“ an, was ich dann 7 Wochen in die Tat umgesetzt habe. Welch eine Wonne und wunderbare Erfahrung. Zurück aus Mallorca ließ mich die Idee eines schnuckeligen kleinen Fiat 500, natürlich in der Lieblingsfarbe Rot, nicht los. Sie spukte mir immer wieder im Kopf herum und prüfte meine Willensstärke mit dem Gedanken: „Das ist doch eigentlich gar kein richtiges Auto.“ Dann kam dieser sonnige Sommer. Ich fühlte mich wie im Süden, wo die Uhren sowieso viel langsamer gehen und ich genoss es, in der Wärme zu Fuß unterwegs zu sein. Wie früher, vor langer langer Zeit, traf ich Menschen auf der Straße, und wir tratschten ganz spontan ein wenig zusammen.

Ohne Auto ist das Leben witzig, exotisch und kompliziert

Seit einem Jahr bin ich nun von der Autofahrerin zur Fußgängerin, immerhin mit witzigen pinkigen Schuhen mutiert. Stell dir vor, ich benutze sowas Exotisches, das man im allgemeinen Sprachgebrauch als öffentlichen Nah- und Fernverkehr bezeichnet. Zum Glück wohne ich in einer Kleinstadt, wo man noch Busse und Züge kennt. Auch die Versorgung mit allem, was ich zum guten Leben brauche, ist gesichert. Ich halte es nach den Anlaufschwierigkeiten und allen Anwandlungen prima ohne eigenes Fahrzeug aus, zumal ich in einem Haus wohne, vor dessen Tür 2 Fahrzeuge stehen. Beide kann ich mir für den Wocheneinkauf oder eine komplizierte Fahrt nach vorheriger Anmeldung ausborgen. Car-sharing im Familienkreis nennt sich das und klappt inzwischen vorzüglich.

Wer sein Auto liebt
Statt rotes Auto pinkige Stiefeletten

Wie es weitergeht? Nach einem Jahr habe ich mich (fast) an diesen autolosen Zustand gewöhnt. Gut, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Hat er erst einmal andere Routinen angenommen, bleibt er in stoischer Gelassenheit dabei. Jawohl. Ich auch, bis . . . . Nein, ich brauche kein Auto.
„Stell es dir vor: klein, geradezu winzig, sparsam und dann noch in Rot. Na?“
Nein, nein, nein, das rote Etwas bleibt beim Autohändler. Basta! Ende der Versuchung!

Habt ihr eigentlich alle ein Auto oder gehört jemand auch zu den seltsamen Wesen ohne fahrbaren Untersatz? Schreib mir doch einen Kommentar dazu. Es würde mich echt sehr interessieren.

Lass uns zusammen Leben – Lieben – Lachen
gemächlich unterwegs sein und
bunte Sachen machen

Deine Elvira

PS: Der Jahresurlaub wird in Frankreich verbracht, zu Fuß, versteht sich, man nennt das Pilgern.
PPS: Der liebe Freund hat das Auto in monatelanger Arbeit wieder flott gemacht. Hin und wieder sehe ich ihn damit herumfahren und freue mich.

50 Jahre – mitten im Leben      

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8 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,
    wieder ein sehr schöner Artikel, der meine Kaffepause soeben bereichert hat.
    Ich lebe seit gut 30 Jahren auf dem Lande, so richtig außerhalb und da geht´s tatsächlich nicht ohne Auto. Sonst hätte ich keins (habe auch erst mit dem Umzug aufs Land den Führerschein gemacht)- ich wundere mich immer, wieviele Menschen eins „brauchen“. Gerade in der Stadt oder wenn in einer Familie/Wohngemeinschaft etc. eh mehrere vor der Tür stehen, bietet sich teilen doch sehr an.

    Für mich persönlich ist es kein „Prestigeobjekt“ sondern ein rein praktischer Gegenstand. Obwohhhhl…hmjaaa…als ich noch meine Ente fuhr, das war schon was Besonderes…schmunzel.

    Ganz aktuell erlebe ich, dass meine Mutter mit ihren 70 Jahren das Autofahren wegen Augenproblemen losgelassen hat. Sie lebte bis vor einigen Monaten in der Stadt, da war es kein Thema: mal eben Bus & Bahn nehmen…
    Seit ein paar Monaten lebt sie jedoch auf dem Dorf- da ist´s schon was anderes und bedeutet viel Rumtüftelei wie man es schafft, mobil zu sein, um mal über die Grenzen des Dorfes hinauszu kommen. Und es ist teuer, ehrlich gesagt, für jemanden mit ganz schmaler Rente. Aber das gleicht ja die Abschaffung des Autos irgendwie aus.
    Ich bin ganz gespannt, wie es sich gestaltet und für viele Fahrten hat sie ja mich und mein Auto- so lange es nicht röchelnd zusammenbricht. Was es gerne mal androht…
    Ich find´s immer wieder spannend über das Autothema naczudenken, es zu überprüfen, was es für einen selbst bedeutet mit oder ohne (eigenes) Auto zu leben. Schöner Anstoß- danke!
    Liebe Grüße
    Claudia

    1. Liebe Claudia,
      danke für deine ausführlichen Ergänzungen. Auf einem Dorf ohne Auto zu leben ist wirklich die Herausforderung par excellence. Respekt für deine Mutter, im Alter von der Stadt auf das Dorf zu ziehen. Ich kenne es eher anders herum. Und die Fahrkosten für Kurzstrecken z.B. der Bahn sind echt happig.

      Nun wünsche ich dir, dass dich dein Gebrauchsgegenstand noch lange begleitet. Ach ja, eine „Ente“ ist natürlich was ganz ganz anderes, so ein reizendes lustiges Geschöpf.

      Mit autofreien Grüßen
      Elvira

  2. Hallo Elvira,
    also ich habe im Moment ein eigenes Auto. Aber ich fahre fast ausschließlich Fahrrad. Auch zur Arbeit. Das macht mir sehr viel Spaß und tut zudem auch noch gut. Und ist gesund. Aber ich bin doch froh ein Auto zu haben, denn wenn es mal regnet oder ich viel einzukaufen habe ist ein Auto schon sehr nützlich. Kleinere Besorgungen kann ich zwar auch mit dem Fahrrad erledigen, aber halt wirklich nur Kleinigkeiten.
    Ich hatte schon einmal kein Auto. Da musste ich mich immer mit meinem Mann absprechen wann ich das Auto denn haben könnte wg. Einkaufen usw. Geht alles, ist aber mitunter mit Wartezeit usw. verbunden.
    Lg Heike

    1. Oh, liebe Heike, bei schlechtem Wetter war mein Schweinehund auch besonders aktiv, und die Versuchung hin zum neuen Auto wurde riesengroß. Und das Absprachendilemma kenne ich nur zu gut. Doch noch halte ich durch und der wunderbare Sommer unterstützt dieses Vorhaben.

      Es grüßt dich ganz herzlich mit ein wenig abgelaufenen Füßen
      Elvira

  3. Liebe Elvia,

    die pinken Stiefeletten sind ja wohl sowas von geil!

    Ich habe auch ein kleines rotes Auto, allerdings mit wenig PS. Im Moment nutze ich es wenig, da ich viel mit dem Fahrrad erledigen kann. Aber bei richtigem Sauwetter steige ich doch mal um. Und auch beim Großeinkauf möchte ich es nicht missen.
    Wenn wir zu zweit in die Stadt fahren wollen, ist der ÖPNV keine wirkliche Alternative, da wir zusammen über 20 Euro bezahlen müssten. Selbst mit Parkhaus ist das Auto da leider günstiger.

    Liebe Grüße Gina

    1. Liebe Gina,
      das mit den Preisen der öffentlichen Verkehrsmittel kann ich gut nachvollziehen und das Sauwetter ebenfalls. Das Schöne ist, in den pinken Stiefeletten läuft man auch noch traumhaft, das macht sie noch besser.

      Ich wünsche euch gutes Unterwegssein
      und grüße ganz herzlich

      Elvira

  4. Liebe Elvira,
    Respekt, dass du so konsequent bist. Über den kleinen Schweinehund, der dich immer zu überreden versucht, da lachen wir doch drüber. Ich wohne auf dem Dorf, 20 km von der Stadt entfernt und das schon seit 43 Jahren. Alle Stunde fährt ein Bus. Irgendwann wird es gehen müssen, mit dem Bus. Irgendwann wohlgemerkt. Vor 2 Jahren habe ich angefangen, nur noch bis zu Stadtrand mit dem Auto zu fahren und nehme dann öffentliche Verkehrsmittel. Ich kann nur sagen, SUPER. Ich sitze entspannt im Bus, muss auf keine Vorfahrt und Zebrastreifen achten, ärgere mich nicht über Radfahrer im Straßenverkehr und vor allen Dingen hat sich die Parkplatzsuche erledigt. Es gibt für mich nichts schöneres.

    In diesem Sinne, ich wünsche dir eine wunderschöne Woche
    Gudrun

    1. Liebe Gudrun,
      jede Stunde fährt ein Bus, davon kann man mancherorts nur träumen. Interessant, wie du dich in Etappen an das Busfahren gewöhnst bis zum Zeitpunkt „irgendwann“.

      Danke für deine Ergänzung und deine Wünsche
      Elvira

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