Osterglocken

Fastenprojekt 2018: vom Gehen, Sehnsuchtsorten, Wunder sehen und der Freude

Mein Fastenprojekt 2018 ist mir regelrecht auf die Füße getreten, hat sich durch Worte geäußert, hat meine Gedanken durchzogen und als das alles nichts half, befiel es sogar meinen Körper. Plötzlich hatte ich „Rücken und Hüfte“, und das in meinem „jugendlichen Alter“ von 59 Jahren.

Wie alles begann

Am Aschermittwoch grübelte ich immer noch darüber nach, was meine besondere Herausforderung in dieser Fastenzeit sein könnte. Meine Oberstübchen-Suchmaschine legte mir „unterwegs sein, Wunder sehen, Natur erleben“ vor, ohne Erfolg. Mein Wandeln-Fastenwegweiser  von „Andere Zeiten“ fügte „neugieren, selbst versuchen, verbinden, sein lassen, aufrichten, verschmerzen und Wunderglauben“ hinzu, ohne Resonanz.

Zarte Stimmchen wisperten: „Du willst doch dieses Jahr wieder pilgern. Das schaffst du nicht als Couchpotatoe. Mach dich auf, lauf ein bisschen herum.“
„Mag nicht“, murmelte ich. „Habt ihr Kleinen mal raus geschaut? Es ist eisig kalt und alles voller Schnee. Außerdem ist Pilgern erst für den Herbst geplant, da bleibt noch viel Zeit für’s Training.“ Die zarten Stimmchen ließen sich schnell zum Schweigen bringen, doch Rumpelstilzchen und Mieseprimel hatten gelauscht. Wenn die beiden loslegen . . . und was dabei herauskommt . . ., kannst du hier nachlesen.

Gehen – aus Pflicht wird Kür

Gleich zu Beginn habe ich eine „Begegnung der anderen Art“. Treffe auf einen Menschen, der täglich! 10 – 12 km geht. Mir verschlägt es die Sprache, was selten geschieht, starre ihn an und murmele wahrheitsgetreu: „Toll.“ Laufe im Schnee 4 km. Finde mich großartig.

Oh weh. Muskelkater. Meine Oberschenkel wollen nicht wie ich will. Ich widerstehe den Einflüsterungen des Schweinehündchens, mich auf das Sofa zu legen. Lobe mich selbst für soviel Standhaftigkeit.

Nebel. Nee, so hatte ich mir das nicht gedacht. Waschküchenwetter (Wer kennt heutzutage noch eine Waschküche?). Widerlich. Ich sollte zuhause bleiben, könnte mich draußen verirren. „Quatsch“, schreit Rumpelstilzchen. „Du hast dir selbst versprochen, jeden Tag eine halbe Stunde zu gehen. Los, mach dich raus.“ Mißmutig stapfe ich los, hinein ins Einheitsgrau, den kleinen Berg hinauf und da geschieht das Wunder. Die Sonne zieht das Nebelkleid weg und streift der Landschaft eine Robe aus funkelnden Eiskristallen an. Die ganze Luft ist erfüllt von schwebenden glitzernden Partikeln. Ich gehe und gehe, mag gar nicht heimkehren. Aus 30 Minuten Pflicht wird 2 Stunden Kür.

Gehen und Sehnsuchtsorte finden

Zwischen einer Frühstückseinladung, der Vorstandssitzung des Weltladens, in dem ich ehrenamtlich tätig bin und der Theateraufführung von „Einer flog über das Kuckucksnest“, in der ich die machtgierige Schwester Ratched spiele, geht es hinaus zum Laufen. Dabei repetiere ich meinen Text.
Sehnsuchtsort: Bühne

Ich gehe nicht, ich fliege – nach Mallorca
Ein wundervoller Tag in der Serra Tramuntana. Susanne Niemeyer schreibt im Fastenwegweiser vom „Vielleicht“ – vielleicht heute mal tun, was man noch nie getan hat. Und ich tanze und singe zur Musik im Innenhof von „La Granje“, dem Bauernhofmuseum, wo sich alles um das Wasser dreht: vom lebensspendenden Nass bis zur kräftesparenden Arbeitserleichterung durch Wassermühlen.
Gegangen bin ich auch, in Valldemosa und im wunderhübschen Dorf Deià. Dort windet sich der Weg vorbei an ockerfarbenen Häusern hinauf zur Kirche mit ihrem ganz besonderen Friedhof. Nachts träume ich von meinem inneren Kind. Es ist noch sehr jung. Wir sitzen mitten im Schlaraffenland. Ich umarme es immer wieder und sage ihm, wie lieb ich es habe.
Sehnsuchtsort: Kirchenraum und Berggipfel

Wagemut – wage es, Mut zu haben. Die Mönche, die das Kloster Lluc erbauten, brauchten ihn sicher. Abgeschieden liegt es im Tal, umrahmt von Bergen. Ich steige bergauf zum großen Kreuz, welches 1919 von Pilgern aus Jerusalem mitgebracht wurde und genieße die Aussicht. Später wandele ich durch den wunderbaren verwunschenen Klostergarten.
Sehnsuchtsort: Garten

Du hast in dir den Himmel und die Erde (Hildegard von Bingen)

Es regnet, mehr noch: Es gießt in Strömen. „Bleib im Hotel“, säuselt die Stimme meines inneren Schweinehunds, „du wirst klitschnass werden und dir eine Erkältung holen. Hier ist es schön warm und gemütlich.“ „Vergiss es“, lautet meine Antwort. Und es fügt sich alles zum Wohlgefallen. Als wir über den Wochenmarkt in Sineu schlendern, über die Festungsmauern in Alcúdia laufen oder entlang des Hafens in Port d’Alcúdia flanieren, reißt für diese Zeit die Wolkendecke auf und die Sonne kommt heraus.
Sehnsuchtsort: Kaminzimmer mit offenem Feuer

Nutze deine Freiräume. Oft fokussieren wir unsere Aufmerksamkeit auf die dunklen Flecken im Leben und trauen uns nicht, die weißen Stellen zu beschriften oder mit bunten Träumen zu bemalen, bemerkt mein Fastenkalender. Freiraum zwischen Regenschauern. Freiraum beim Gang durch Llucmajor, Freiraum in der menschenleeren Kolonie St. Jordi, Freiraum in den Salinen d’es Trenc mit seinen weiß schimmernden Salzbergen.
Sehnsuchtsort: Freiraum

Wir fliegen zurück aus der Frühlingswärme in die Eiseskälte. Raus. Raus auf meinen Feldweg, den Berg hinauf. Sonnenschein. Frischluft. Laufen.
Sehnsuchtsort: zuhause

Wind, Sonne, blauer Himmel, klirrende Kälte. Unterwegs in den „heißen Höhlen“ (woher die wohl diesen Namen haben?). Schnee zerbricht unter den Füßen. Eisbrocken und gefrorene Erdklumpen machen das Laufen schwierig. Was, wenn ich jetzt umknicke? Nicht mehr zurück nachhause kann? Wer vermisst mich und vor allem wann? Wenn ich zum Eisklotz erstarrt hier liege? Nicht darüber nachdenken. Weitergehen.
Die Luft glitzert. Puderzuckerschnee liegt auf dem Wacholder. Raureif verzaubert Bäume und Büsche in funkelnde Eisgestalten. Ein Maulwurf hat seine Wohnhügel quer über den Weg gelegt. Ganz frisch sind sie, eben waren sie noch nicht da. Greifvögel ziehen ihre Kreise am Himmel. Spatzen, Meisen und Lerchen trällern ihr Morgenkonzert, in das die Krähen und Elstern mit heiseren Stimmen Akzente setzen.
Sehnsuchtsort: Zauberberg

Gefangen in den Wirren der Zeit und der Veränderung

Thomas hat eine neue Stelle. Vorbei die Zeit, wo wir mittags zusammen gegessen haben. Ein ganzer vollständiger Tag liegt vor mir mit Tun und Lassen, was ich will und wann ich will. Zeit ohne Ende, nur für mich. Sofort flüstert mir ein innerer Geist zu: „Du brauchst jetzt nicht mehr gleich morgens loslaufen, später ist dafür noch genügend Zeit.“ Ich widerstehe der Versuchung, gehe los, noch vor dem Frühstück. Der Fastenkalender sagt: „Finde deinen Weg durch das Labyrinth.“ Ich bin dabei, mich neu zu orientieren.

Und die Zeit spielt mir Streiche, treibt ihren Schabernack mit mir. Ich komme plötzlich zu Terminen viel zu früh, dann wieder extrem zu spät, und dass auf einer mir sehr wichtigen Beerdigung. Zwei Mal vergesse ich sogar völlig ein Treffen, obwohl ich kurz vorher noch in den Terminkalender geschaut und es registriert hatte. Es war, als hätte jemand die Daten und Erinnerungen in meinem Kopf weggewischt. Seltsam. Muss ich mir Sorgen um meinen Geisteszustand machen?

Die Hälfte des Weges ist geschafft

Boah, blauer Himmel, seidenweiche Luft, wärmende Sonne, Vogelgezwitscher, Frühlingsduft. Lange, sehr lange bin ich unterwegs. Auf dem Berg breite ich die Arme aus, möchte die ganze Welt umfangen. Und weil es so schön ist, mache ich heute dort oben, wo ich dem Himmel so nah bin, meine Qui gong Übungen.

In der Natur herrscht Aufbruchstimmung. Alle Tiere sind da. Zu den Heerscharen der kleinen Vögel gesellen sich das Falkenpaar, Milane und Bussarde. Sehnsüchtig blickt der Graureiher auf das Treiben der in der Erde scharrenden Hühner. Seelenruhig trollt der Fuchs über die Wiese. Am Waldrand spielen drei Hasen übermütig Fangen, während ein Stückchen weiter fünf Rehe ihre Mittagsmahlzeit einnehmen.

Zuhause sehe ich nach den Bienen. Oh, welch eine Freude, alle drei Bienenvölker haben den Winter überlebt. Noch zaghaft schwärmen sie zu ersten Erkundungsflügen aus. Dankbarkeit überflutet mich. Dankbarkeit über das Wunder der Schöpfung, und dass ich genau hier, auf diesem herrlichen Fleck der Erde leben darf.
Oculi: Meine Augen schauen (Ps. 25,15). Ja, das tun sie, trunken vor Glück.

Auf einmal ist da mehr Licht, mehr Wärme

Ich gehe in die ganze Fülle des aufbrechenden Frühlings hinein, in eine Welt voller Wunder. Befreit vom Eis glitzern die Pfützen und spiegeln den Himmel. Fröhlich gluckert das Wasser im Bach. Seit Tagen begleitet mich ein Greifvogel. Er sitzt auf dem Baum, scheint auf mich zu warten und fliegt dann ein Stück mit. Manchmal rede ich ein paar Worte mit ihm. Nein, ich bin nicht durchgeknallt, ich spreche oft mit Tieren und Pflanzen. Schon immer.

Und doch, wenn du lange gegangen bist, bleibt das Wunder nicht aus (Hilde Domin)

Seiner glitzernden Schneedecke beraubt, zieht sich das große Feld belanglos in Wellenlinien den Berg hinauf. Plötzlich bricht die Sonne durch die dunkle Wolkendecke und es geschieht die Verwandlung. Die Erdschollen glänzen vor Feuchtigkeit in einem satten Braun. Begleitet werden sie vom leuchtenden Grün der Wintergerste. Und weil das alles noch nicht reicht an Prachtentfaltung, kleidet sich die vertrocknete bleiche Gründüngung in goldglänzenden Brokat und schmiegt sich als kostbar schimmernde Borte an ihre beiden Feldgeschwister. Drei Linien, die am obersten Punkt des Berges von den Sonnenstrahlen empfangen werden. Ich stehe unten und schaue. Andächtig. Staunend. Wartend. Dass ein Engel erscheint. Dass das Wunder geschieht.
Laetare: Freuet Euch (Jes.66,10), Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen (Jes.66,14)

Lass uns zusammen Leben – Lieben – Lachen
auf Engel warten, an Wunder glauben
und bunte Sachen machen

Deine Elvira

Klick hier und lies den Reisebericht über Mallorca. Mein lieber Partner Thomas hat ihn geschrieben auf seinem funkelnagelneuen Blog reisen2go.com

50 Jahre – mitten im Leben      

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3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Ist ja toll. Du scheuchst einen so richtig durch tausend Gefühle – kannst auch sagen „Illusionen“
    Man merkt es Dir an: der Lenz ist da und hat Dich so richtig „gepackt“

  2. Liebe Elvira,

    Du bist eine WORTKÜNSTLERIN … WOW!!!!! 🙂

    „Seiner glitzernden Schneedecke beraubt, zieht sich das große Feld belanglos in Wellenlinien den Berg hinauf. Plötzlich bricht die Sonne durch die dunkle Wolkendecke und es geschieht die Verwandlung. Die Erdschollen glänzen vor Feuchtigkeit in einem satten Braun. Begleitet werden sie vom leuchtenden Grün der Wintergerste. Und weil das alles noch nicht reicht an Prachtentfaltung, kleidet sich die vertrocknete bleiche Gründüngung in goldglänzenden Brokat und schmiegt sich als kostbar schimmernde Borte an ihre beiden Feldgeschwister. Drei Linien, die am obersten Punkt des Berges von den Sonnenstrahlen empfangen werden. Ich stehe unten und schaue. Andächtig. Staunend. Wartend. Dass ein Engel erscheint. Dass das Wunder geschieht.
    Laetare: Freuet Euch (Jes.66,10), Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen (Jes.66,14)“

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