Berührungen und loslassen

Loslassen in 5 Varianten als Lebensaufgabe

Loslassen ist genau das Gegenteil von durchhalten, durchbeißen, bloß keinen Zentimeter nachgeben oder seinen Standpunkt vertreten. Es ist ein vielschichtiges Wort, kann sowohl sinnbildlich verstanden werden aber auch eine Handlungsaufforderung sein. Da fällt mir der ständig irgendwo zitierte Ratschlag „Wer loslässt, hat beide Hände frei“ ein und gleich im Anschluss die Frage: „Frei für was?“

Die Bereitschaft Altes, Gewohntes loszulassen, damit Platz für Neues ist, verlangt den Wechsel vom sicheren Terrain in unbekannte Welten. Wer mag das schon? Unsicher tappst man dort herum und es dauert, bis man sich zurechtfindet. Da lebt es sich gemütlicher in eingefahrenen Gleisen. Alles bekannt, alles bestens, alles . . . laaangweilig, festgefahren, starr.

Der Hauptlernprozess des Lebens

Vertrauensvoll legt meine Enkelin ihre kleine Hand in meine. Warm fühlt sie sich an, zart und zerbrechlich. Das Kind hüpft fröhlich neben mir her – auf dem Weg zur Schule, zum Spielplatz oder zu einem anderen gemeinsamen Vergnügen. Und ich genieße sie, diese Zeit. Ich höre ihrem unaufhörlichen Redestrom zu und bin begeistert von ihren Geschichten, die sie mir erzählt. Ich darf sie ein Stück begleiten, doch es kommt der Augenblick, an dem ich sie loslassen werde. Plötzlich blitzt bei mir die Erkenntnis auf, dass der Hauptlernprozess in unserem Leben das Loslassen ist.

Loslassen ist ein zentrales Lebensthema

Mit der Geburt muss der Säugling den warmen Mutterleib loslassen. Um wachsen zu können, muss er immer wieder sein bekanntes Gebiet verlassen. Damit das Baby keinen Schaden nimmt, sind Arme da, die es tragen, Hände, die es halten und Menschen, die seinen Lernprozess unterstützen.

Mit dem Wechsel in den Kindergarten lassen Kinder ihr gewohntes Umfeld los. Was folgt ist die schwerste Aufgabe, die ihnen das Loslassen beschert, die Trennung von vertrauten Menschen. Die Übung geht weiter: Da wechseln die Spielkameraden und spätestens beim Übergang in die Schule muss das Kind manche gewonnenen Freunde ganz loslassen.

Der nächste große Schritt ist der Auszug des Kindes. Das Paradoxe ist, dass es feste Wurzeln und eine stabile familiäre Bindung braucht, um einen gelungenen Start in das unbekannte selbstständige Leben hinzulegen. Unsicherheiten sowie traumatische Erlebnisse erschweren das Loslassen von der Familie extrem oder verhindern es sogar ganz. Und auch während Ausbildung, Studium und später Beruf heißt es für den erwachsenen Menschen ständig loslassen und neu anfangen. Und diese Aufgabe endet nicht vor der Wohnungstür sondern will auch im privaten Leben erfüllt werden.

Als Oma fällt mir das Loslassen der Enkelhand viel schwerer als es bei meinen Kindern war. Insgesamt bin ich besorgter und ängstlicher. Weil ich keinen ständigen Umgang mit ihnen habe, fehlen mir das Wissen, welche Fähigkeiten das Kind beherrscht. Vertrauen ist der Schlüssel zum Loslassen.

Das Leben fordert uns immer wieder zum Loslassen auf

Von den Kindern erwarten wir, dass sie „groß werden“, mutig und voller Selbstvertrauen ihren Weg gehen. Und was tun wir selbst? Wir klammern uns an Menschen, kleben an Dingen, halten an längst überholten Gewohnheiten fest. Wir stehen vor überquellenden Kleiderschränken oder begutachten den verstaubten Nippes auf den Schränken und sind unfähig, uns zu lösen. Im Extremfall spiegelt uns der Körper diese Geschichten vom Versagen wieder. Der Rücken schmerzt, der Darm ist verstopft und Blase oder sogar Nieren erinnern mit Entzündungen an unsere Lebensaufgabe.

Wie einfach hatte es da der „Hans im Glück“. Er tauscht Gold gegen Pferd, Pferd gegen Kuh und immer so weiter bis er am Schluss mit einem großen Schleifstein da steht. Den versenkt er im Brunnen. Er hat alles losgelassen, seine ganzen Belastungen, Sorgen und Kummer und wurde, wie er ausruft, zum glücklichsten Menschen unter der Sonne.

Loslassen in fünf Varianten

Fangen wir beim Ende an, dem unausweichliche Loslassen, welches sich meinen Einfluss entzieht, von dem ich bereits lange Zeit im voraus weiß, dass es auf mich zukommt. Es ist der Tod.

Das quälendste Loslassen ist sicherlich eine Trennung/Scheidung, wenn ich mich an einen Zustand festklammere, bei dem mein Herz und Verstand bereits sagen, es ist vorbei. Hier stehe ich an einer unsichtbaren Grenze und die Linie zwischen Verlust meiner Selbstachtung und dem Erhalt meiner Würde ist schmal.

Am schlimmsten ist es, wenn sich das Loslassen als Schicksalsschlag präsentiert. Schnell und erdrutschartig verändert sich alles im Leben von jetzt auf gleich. Das kann durch einen Unglücksfall, Krankheit, Arbeitsplatzverlust, Firmenzusammenbruch oder der Tod eines geliebten Menschen sein. Trauer und Verlustgefühle mischen sich mit dem Schmerz. Ausgebreitet liegen die Trümmer des ganzen bisherigen Lebens vor einem. Nichts scheint mehr zusammenzupassen. Da ist noch kein Platz für neue zaghafte Anfänge. Erst kommt das Sortieren und Bearbeiten der Bruchstücke, bevor wie ein zartes Pflänzchen, fast unbemerkt die Lebensfreude zurückkehrt. Ein neuer Anfang ist geboren, darf sich entwickeln.

Manchmal geht das Loslassen als schleichender Prozess vonstatten. Man verändert sich und damit verändern sich auch Strukturen, Zusammenhänge oder das Umfeld. Freundschaften gehen auseinander, Partner leben nebeneinander her, die Arbeit wird nur halbherzig erledigt. Langsam und unmerklich lösen sie sich eines Tages im Nichts auf. Erstaunt schaut man auf seine leeren Hände, denen alles entglitten ist und weiß nicht, was man mit der gewonnenen Freiheit anfangen soll.

Am besten ist das bewusste Loslassen. Da kommt alles auf den Prüfstand: Welche Menschen passen zu mir und tun mir gut, welche sind Energieräuber. Wo will ich beruflich und privat hin. Welche Sachen dürfen bleiben, welche sollten gehen. Wie lauten meine Glaubenssätze und passen sie überhaupt noch zu mir. Was ist mit Traditionen und festgefügten Ritualen? Etwas geben zu können, ist der erste kleine Einstieg in dieser Rubrik, und er tut gar nicht weh.

Wie kann man am besten loslassen

  • wenn ich ein Licht am Ende des Tunnels sehe
  • aus Respekt vor mir selbst und meinen Bedürfnissen
  • in einem stabilen Netzwerk aus Familie und Freunden
  • als Optimist mit dem Wissen, das ich Dinge ändern kann
  • wenn ich meine Chancen klar erkenne
  • durch Annahme der Situation und Hinterfragen
  • voller Dankbarkeit und der Bereitschaft zur Versöhnung
  • mit einem mutigen Sprung ins kalte Wasser
  • aus der Erkenntnis, dass das Leben immer weiter geht
  • durch ständiges bewusstes Üben
  • indem ich „klein“ anfange: mit weggeben

Loslassen als Hauptaufgabe für die Zeit ab 60+

Geht es nur mir so oder ist es normal? An der Schwelle zum nächsten Lebensjahrzehnt befasse ich mich viel mit der Thematik des Loslassens: der Vergangenheit, belastender Gedanken, falscher Vorstellungen, äußerer Dinge und Sachen. Die Besinnung auf das Ich, die eigene Person und der inneren Werte tritt in den Vordergrund. Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme und es gibt eine Menge Gründe, diese Fragen zu beantworten:

  • Was will ich garantiert nicht mehr in meinem Leben?
  • Was raubt mir meine Energie?
  • Was macht mich aus, wenn ich Statussymbole oder den Arbeitsplatz loslasse? Welcher Mensch bin ich dann?
  • Welche Erinnerungen belasten mich? Wie kann ich mich mit ihnen aussöhnen, um sie dann zu verabschieden?
  • Welche Fähigkeiten besitze ich und wo möchte ich sie noch einsetzen?
  • Wobei geht es mir gut? Was macht mir Freude?
  • Welche Menschen sind mir wichtig?
  • Wie gehe ich mit nachlassenden Körperkräften um?
  • Was möchte ich noch tun, lernen oder ausprobieren?
  • Wie will ich wohnen?

Die große Frage nach dem Sinn im Leben lasse ich außen vor. Wer kann die schon für sich zufriedenstellend beantworten? Und das ständige gequälte Suchen danach geht mir – wie drücke ich das mal gewählt aus – auf den Geist.

Einsichten

Die große Chance des Älterwerdens sehe ich darin, endlich alles loslassen zu können, was ich nicht will oder was mir so nicht mehr gefällt. Dann kann ich die Richtung ändern, kann neue Wege beschreiten und auf diese Weise die Herausforderungen des Alterns meistern.

Wie ist es bei dir? Ist Loslassen ein Thema, beschäftigt es dich oder sagst du: „Nee, es kommt wie es kommt und gut so?“ Auf deine Kommentare bin ich sehr neugierig.

Lass uns zusammen Leben – Lieben – Lachen
älter werden, weiser, leichter
und immer noch bunte Sachen machen

Deine Elvira

Mit dem ganz bewussten Loslassen habe ich Anfang des Jahres begonnen, obwohl ein Teil davon nicht freiwillig war. Klick hier und du kannst lesen, was dahinter steckt.

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Loslassen als Lebensthema
Loslassen in 5 Varianten und wie es am besten gelingt.

50 Jahre – mitten im Leben      

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10 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,

    das war mal wieder ein ganz besonders schöner Beitrag – vielen Dank.
    Ich finde mich in Deinen Zeilen wieder; je älter ich werde um so mehr beschäftigt mich das „Loslassen“.
    Insgeheim hoffe ich ja immer, es wird leichter, aber ich tue mich zur Zeit noch schwer damit. Es beeindruckt mich sehr, was für eine schöne und wichtige Erkenntnis Du für Dich gewonnen hast. Hoffentlich kann ich von Deinem positiven Umgang mit dem Thema ein wenig lernen.

    Herzliche Grüße,
    Birgit

    1. Vielen Dank, liebe Birgit. Je länger ich mich mit dem Thema beschäftige, um so „normaler“ wird es und auch der Umgang damit.

      Mit lieben Gruß
      Elvira

  2. Liebe Elvira,

    deine Gedanken kann ich gut mit dir teilen, weil ich seit einigen Jahren lerne, mein Leben immer
    weiter zu entschleunigen. Dabei bin ich keineswegs > faul<, sondern recht aktiv und rege.
    Das Lebensmotto vom Hans im Glück gefällt mir, die biblischen Worte von den Vögeln am Himmel,
    die nicht säen und ernten werden doch vom himmlischen Vater mit Nahrung versorgt …, solche Zuversicht spricht mich an und macht mich zufrieden.
    Ich lebe mit dem Motto: Weniger ist mehr! So kann ich mich auf das für mich Wesentliche beschränken und und mich dabei an der Weisheit von Menschen aus früheren Zeiten orientieren.
    – Wir werden erst am Kleinen reif fürs Große. Johannes Tauler
    -Die schönsten Dinge auf der Welt, die alles von Menschenhand Geschaffene in den Schatten stel-
    len, kosten gottlob überhaupt kein Geld. Alberts Magnus
    – Genug ist besser als zu viel. Bernhard Freidank
    – Wenn ich es nicht tue, wer dann? Wenn nicht jetzt, wann dann? Jeanne dˋ Arc
    – Die Stunde ist kostbar. Warte nicht auf eine spätere, gelegenere Zeit. Katharina von Siena

  3. Liebe Elvira,
    mit meinen 57 Lebensjahren ist auch für mich das Loslassen ständiges Thema. Eine liebe Kollegin hat mir dazu letztes Weihnachten Christian Morgensterns Worte mitgegeben:
    Sieh, das ist die Lebenskunst:
    Vom schweren Wahn des Lebens sich bfrein,
    fein hizulächeln übers große Muss.
    Diese Worte begleiten mich fast täglich und es beglückt, vieles nicht mehr zu müssen, aber zu dürfen, wenn ich mag.
    Herzlichst Barbara

    1. Da hat dir die Kollegin wirklich schöne Worte mitgegeben, liebe Barbara. Danke, dass du sie teilst. Ja, nichts mehr zu müssen ist ein Geschenk, welches das Alter mit sich bringt.

      Es grüßt dich mit einem Lächeln
      Elvira

  4. Vielen Dank für diesen tollen Artikel, liebe Elvira. Ich habe mich in meinem ganzen Leben sehr schwer getan, loszulassen. Ich musste erst fast 70 werden, bis ich endlich lerne, bewusst loszulassen. Allerdings tue ich mich immer noch sehr schwer, etwas wegzuwerfen. Bin gerade mit Hilfe meiner Enkelin dabei, das vor 17 Jahren für meine Enkel eingerichtete Kinderzimmer zu „entrümpeln“. Da sind unendlich viele noch nagelneue, aber auch gebrauchte Spielsachen, Bücher, Instrumente, Mal- und Bastelkram, von denen ich mich trennen will. Am Ende soll aus dem Raum ein Arbeitszimmer für mich werden, um meinen Computer-Arbeitsplatz und das viele Papier aus dem Wohnzimmer zu verbannen. Meine Enkel sind ganz einfach viel zu schnell gewachsen und haben in der Schule so viel Stress, so dass sie kaum noch Zeit finden, mit mir zu malen, zu basteln oder zu spielen.
    Ich werde mir deine Tipps zu Herzen nehmen. Schließlich fühle ich mich ja nach den ganzen Aufräumaktionen viel wohler in meinen eigenen vier Wänden.
    Liebe Grüße aus Berlin
    Roswitha

    1. Liebe Roswitha, es ist ja nicht nur das Aufräumen, es hängen auch so viele Erinnerungen daran, deshalb fällt es uns wahrscheinlich so schwer. Sicher wird das „Enkelzimmer“ sehr schön nach dieser Aktion und du hast Platz für Computer und deine Mal- und Fotokreativseite. Und bestimmt bekommt die Katze dort auch ein schönes Plätzchen.

      Ich wünsche dir viel Freude im „neuen Reich“ und jetzt schaue ich mir dein Blog genauer an.

      Mit herzlichen Grüßen
      Elvira

  5. Hallo Elvira,
    ein sehr schöner Beitrag! „Wer loslässt hat die Hände frei“…für Neues, diese Erfahrung habe ich bereits gemacht! Nach dem Krebs habe ich auch eine Bestandsaufnahme gemacht, und einfach mal auf meinen Bauch gehört. Das Ergebnis war ein wunderbares Gefühl mit sich selbst im Reinen zu sein! Dennoch gibt es Rückschläge, besonders bei dem Nippes an dem die Erinnerungen hängen. Aber man muss auch die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen. Es reicht wenn die Vergangeheit im Herzen ruht. Wir wollen leben und nach vorn schauen. Das Leben ist HIER und JETZT…..und wenn man etwas loslässt, dann kommt etwas Neues und greift nach deiner ‚Hand!

    1. Danke für deine positive und mutmachende Ergänzung, besonders das Gefühl mit sich im Reinen zu sein, bestätigt wieder einmal, dass der Bauch oft weiß, was gut für uns ist.

      Liebe Grüße
      Elvira

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