Zwischen den Welten

Eine Buchberührung „Zwischen den Welten“

Zufälle? Soll es ja angeblich nicht geben? Ist es nun ein Zufall, ein Wink des Schicksals oder ein Fingerzeig des Universums, dass ich in Echtzeit, nur 5 Jahre später, ein Buch lese, welches vom Tod, der Trauer und ihrer Überwindung bis hin zu neuem Lebensmut handelt. Normal lese ich solche Bücher nicht, habe immer versucht, meine Trauer durch Gespräche mit Freunden und Bekannten sowie mir selbst zu verarbeiten. Und nun das. Nun hat mich dieses Buch gefunden.

Zufall? Eine Begegnung „Zwischen den Welten“

Es ist Freitag Abend, morgen will ich in den Skiurlaub fahren. Dafür braucht es noch Lesefutter. Beim Stöbern in dem riesigen „Fluss-Kaufhaus“ ploppt es unter „Das könnte dich auch interessieren“ auf, das Buch von Silke Szymura „Zwischen den Welten“. Geradezu magisch zieht es mich an und lenkt meinen Finger auf Herunterladen. Zufall? Eine innere Stimme mahnt: „Es ist bald Frühlingserwachen, Neuanfang, du fährst in Urlaub und willst ein trauriges Buch lesen? Das ist doch völlig verrückt. Lass es, das passt besser in so einen trostlosen Monat wie den November, wenn es denn überhaupt zu dir passt.“ „Mag sein, doch ich habe es jetzt entdeckt. JETZT! Und deshalb lese ich es jetzt und nicht später.“ Zufall?

5 Jahre nach plötzlich und unerwartet

Es ist Sonntag Nachmittag, der 25. März 2018, die Osterwoche. Eigentlich sollte es mir gut gehen, sollte ich sprühen vor Lebensfreude. Den ganzen Tag bin ich Ski gefahren zusammen mit meinen Kindern, ihren Partnern und der Enkelin. Die Sonne zaubert einen blauen Himmel über die schneeweiße Bergwelt, lässt sie glitzern und funkeln. Herz, was willst du mehr? Doch ich schwächele ein wenig, vielleicht hat mich doch noch ein Grippevirus erwischt, meine Knochen schmerzen, die Knie wackeln. Vorzeitig zurück im Appartement beginne ich zu lesen. Vom Tod.

Es ist ein strahlend schöner Tag in Nepal als Julian plötzlich am Straßenrand zusammenbricht. Er stirbt in den Armen von Silke. Einfach so. Von jetzt auf gleich. Plötzlich und unerwartet, so könnte die Überschrift der Todesanzeige lauten, wenn es denn eine gäbe. Denn in Nepal ist alles anders. In Silkes Leben ist auf einmal alles anders. „Meine Welt bricht zusammen, der Boden wird mir unter den Füßen weggerissen und eine riesengroße Wunde öffnet sich in meinem Inneren. In meiner Welt ist eine große Lücke entstanden.“

Surreal – gefangen in der Unwirklichkeit

Surreal ist alles, was in den Tagen danach passiert. Meine neue Zeitrechnung hat bereits begonnen, doch meine Seele begreift noch lange nicht, was das bedeutet, schreibt Silke.

Surreal, die Tage danach. Silke steht unter Schock, bewegt sich zwischen Hysterie und Dahindämmern, der Geborgenheit in der nepalesische „Familie“ und der Abwicklung behördlicher Formalitäten, die da reichen von Sterbeurkunde, Obduktionsbericht bis hin zu Befragungen durch die Polizei. Da ist Sabine, die beharrlich an Silkes Seite bleibt und ihr sagt, wie wichtig es ist, den toten Julian noch einmal zu sehen. „Wir stehen da und betrachten ihn. Und ich werde ruhig. Ganz ruhig. Er ist nicht mehr da, so wie er vorher da war. Aber in dem Moment ist seine Seele da. Vielleicht hat sie auf mich gewartet. Um sich zu verabschieden. Um mir noch einmal ganz nahe zu sein. Ich sage ihm, dass ich ihn liebe. Immer wieder. Und auf einmal ist ganz viel Ruhe in mir. Er gibt mir Kraft,“ erinnert sich Silke und weiter, „es ist der wohl bewegendste Moment meines Lebens. Die Zeit bleibt stehen. Danach bin ich wie ausgewechselt, weiß, dass ich es schaffen kann.“

Surreal schimmern winzigste Glücksmomente durch die Schwärze des Verlustes: Der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod, das Wissen mit Julian verbunden zu sein und zu bleiben oder das Spüren der Liebe, die zwischen beiden weiter fließt, das Leben und der Tod, die Vergänglichkeit, alles ein ewiger Kreislauf.

Wie surreal, dass dieses weiße Paket mein Julian sein soll. Und so ist alles gleichzeitig schön und schrecklich, traurig, würdevoll und voller Schmerz, in Liebe verbunden und grausam voneinander getrennt. Es ist surreal und ich hätte jeden für absolut verrückt erklärt, der mir vorhergesagt hätte, dass ich einmal direkt anwesend sein würde, wenn mein Freund verbrannt wird.“ Und so sitzen Sabine und ich da und reden. Über dem Feuer ist der Mond aufgegangen – es ist Vollmond und er ist beeindruckend nah und groß, schildert Silke diesen Tag.

Dann kommt Natalie, die in Deutschland alles liegen und stehen ließ, noch am selben Tag nach Katmandu flog, um Silke nach Hause zu begleiten.

Surreal erscheint die kürzlich in Frankfurt gekaufte Wohnung, die nun überflüssig ist. Und während Silke in Pokhara auf dem Flugplatz sitzt mit der Asche ihres Freundes im Arm, meldet sich von zuhause die Realität am Handy. Das Möbelhaus fragt an, wann das bestellte Schlafzimmer geliefert werden soll.

Surreal die Rückkehr nach Deutschland am Karfreitag, das Abgleiten in die trostlose graue Welt der Fragen, auf die es keine Antworten gibt und der Vorwürfe an sich selbst.

Surreal, ein Wort, welches mich zunehmend mehr nervt, wenn ich es lese, und es kommt oft vor. Gefühlt auf jeder Seite. Surreal windet sich um mein Herz, nimmt mir die Luft zum Atmen, zieht mich hinein in diese dunkle Welt. So wie es für Silke vor 5 Jahren kein Entrinnen gab, scheint es jetzt bei mir ebenfalls kein Entrinnen zu geben. Ich lese weiter und es geht mir nicht gut dabei. Vielleicht liegt es am Virus, das mich das Geschehen im Buch so mitnimmt. Vielleicht liegt es am eigenen Erleben vor 7 Jahren, als mein Mann nach einem Jahr Kranksein verstarb, nicht plötzlich und unerwartet sondern von den Ärzten vorausgesagt. „Woher nehmen die eigentlich diese Gewissheit?“ Surreal. In Gedanken schreie ich Silke an: „Komm zurück in die Wirklichkeit. Lebe. Der Tod ist nicht das Ende.“

Surreal, wenn der Tod zuschlägt, unerwartet, mitten im Leben, in jungen Jahren, wo man gerade ein gemeinsames Leben plant, Kinder bekommen will und glaubt, noch so viel Zeit zu haben. Was gibt jetzt dem Leben Sinn, wo ist ein Neuanfang, wofür lohnt es sich, jeden Tag wieder aufzustehen, weiterzugehen?
Und ist es real, wenn der Tod zuschlägt, ein Jahr lang mit Bangen erwartet, jeder Tag ein Geschenk, in der zweiten Lebenshälfte, nachdem man 35 Jahre seinen Weg gemeinsam gegangen ist, es Kinder und Enkel gibt, die dem Weiterleben doppelten und dreifachen Sinn geben?

Leben im Wattebausch

In Deutschland versteckt sich Silke vor der Realität bei ihren Eltern, lebt in einem riesigen Wattebausch, schreibt Fetzen aus ihrer Gefühlswelt in ein Tagebuch oder Mails an Julian und sich selbst, denn schon da ist sie sicher, dass sie ein Buch über ihre Erlebnisse schreiben wird. Freunde wissen nicht, wie sie mit ihrem Leid umgehen sollen, entfernen sich, doch da sind auch Menschen, die Silkes Schreie nach Hilfe hören, sich trauen, ihr eine helfende Hand zu reichen und an ihrer Seite bleiben. Silke wird klar, nur ihre Welt hat sich verändert, ist zerbrochen, die der anderen ist gleich geblieben.

Das Trauerjahr ist überlebt

Ich quäle mich weiter durch das Buch. Nachts nehme ich die Gedanken mit in meine Träume. Wache immer wieder auf. Suche Antworten auf die Frage, warum geht mir dieses Buch dermaßen unter die Haut? Währenddessen ist Silke zusammen mit Sabine wieder in Nepal, um dort eine Gedenkfeier für Julian zu organisieren, sich zu erinnern und sich für alle Unterstützung zu bedanken. Ein Jahr überlebt ohne Julian. Ein Jahr voller Trauer, Verzweiflung,  Schmerz und tiefer schwarzer Löcher. Ein Jahr der Dankbarkeit, des Getragenseins und Verbundenheit. Ein Jahr der Langsamkeit und Müdigkeit. Ein kräftezehrendes Jahr. Ein Jahr fern aller Wirklichkeit. Surreal.

Leben zwischen den Welten

Warum lese ich das Buch überhaupt, tue mir das an und kann doch nicht aufhören? Silke kündigt ihren Job, verkauft ihre Wohnung. Sie spricht mit Julian, begegnet ihm in ihren Träumen, sieht ihn in den Wolken, trifft ihn in einem Zwischenraum, zwischen den Welten. Bei ihren Spaziergängen entsteht eine tiefe Verbindung mit der Natur. Ihr Kraftort ist bei einer Esche, ihr Krafttier in Nepal ein Adler und hier eine Katze. Ist es diese Synchronität, diese übereinstimmende Trauererfahrung, die die Magie dieses Buches bei mir ausmacht? Ich bin seinerzeit nach Sellin/Rügen zurückgekehrt. Habe dort auf dem Friedensberg den Kraftort meines Mannes aufgesucht – die uralte Eiche, bedrängt von Buchen (ob sie wohl noch steht?) mit der Tafel „Ratatöskr“. Das Eichhörnchen, welches der nordischen Mythologie zufolge zum Weltenbaum Yggdrasil gehört und Nachrichten übermittelt zwischen dem Adler im Himmel und dem Drachen auf der Erde. (Quelle: Wikipedia) Ich habe dort eine Woche gebraucht, bis ich mich getraut habe, an diesen Ort zu gehen. Danach fühlte ich mich befreit. Mein verstorbener Mann lebt in den Wolken – er ist mein Himmelhelmut. Und ich spreche mit ihm. Verrückt. Und ich habe mich inzwischen auch getraut, eine neue Beziehung einzugehen, mit meinem Erdenthomas. Und ich spreche mit ihm. Verrückt. Ich leben zwischen zwei Männern,  zwischen den Welten, zwischen Himmel und Erde. Verrückt? Nein, ganz normal.

Lebenskreise schließen und öffnen sich

Ungefähr in der Mitte des Buches, es ist die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag stelle ich mir zum x-ten Mal die Frage: „Warum hat sich mir dieses Buch aufgedrängt, mein 1. Buch über Tod und Trauer und warum nimmt es mich so mit?“ Die Antwort war schon immer da. Der 25. März ist Julians Todestag. Das Geschehen damals in Nepal hat sich zeitgleich mit meinem Lesen abgespielt. Deshalb die Nähe? Die ganze Nacht finde ich kaum Schlaf. Grübele. Erinnerungsfetzen ziehen vorüber. Es ist jetzt 7 Jahre her, seit mein Mann verstarb. In den frühen Morgenstunden des Karfreitag schließe ich meinen Frieden mit dem Tod.

Silke taucht ein in ihre Zwischenwelt, befindet sich im Übergang zwischen dem Alten, das vorbei ist und dem Neuen, welches noch nicht ganz da ist. Und bei mir schließt sich ein Kreis, der im Skiurlaub 2010 seinen Anfang nahm. Mein von der Krankheit bereits geschwächter Mann und ich betreuten seinerzeit unsere 4 Monate alte Enkelin, wissend, dass es wahrscheinlich das letzte Mal gemeinsam sein würde. Seitdem sind wir jedes Jahr hier in Pettneu. Nun, 7 Jahre später betreue ich mein zweites Enkelkind, 8 Monate alt. Der alte Kreis ist geschlossen, ein neuer öffnet sich und es fühlt sich nach Frühlingserwachen, Leichtigkeit und Freude an, auch wenn ich noch nicht weiß, was er Neues bringen wird. Wir fahren heim und am Himmel leuchtet der volle Mond – ganz nah und groß ist er.

Ostern – Licht erhellt in die Dunkelheit

Ich bin am Ende des Buchs angekommen. Es ist Ostern. Auferstehung. Der Tag bringt Licht in die Dunkelheit. Bei Silke hat die Trauer eine Tür zu einem Raum geöffnet, in dem sie sich Schicht um Schicht vom Schmerz befreien, immer tiefer zu sich selbst und ihren Wurzeln vordringen konnte, um aus dieser Erdung heraus wieder neue Welten zu erkunden. Jede Trauernde bekommt die gleichen Aufgaben vorgelegt, jede bewältigt sie in ihrer ureigenen Art und Weise, in einer Zeit, die für sie richtig ist. „Am Ende stehen Dankbarkeit, Liebe und das Vertrauen, dass uns tief drinnen niemand wirklich verletzen kann. Wir sind immer heil und ganz,“ schreibt Silke.

Es ist Ostersonntag. Auferstehung. Der Tag erstrahlt in hellem Sonnenschein. Thomas und ich sitzen beim Frühstück inmitten unserer 5 Kinder, deren Partner und 3 Enkeln. In Dankbarkeit und Liebe blicken wir auf die ständig wachsende Familie, voller Vertrauen, dass das Leben immer weiter geht und es ein Weiterleben nach dem Tod gibt.

Und jetzt kann ein Stein, es wird ein Felsbrocken sein, auf das Grab meines Mannes gesetzt werden, weil jetzt genau die richtige Zeit ist. Nicht vorher, weil andere Menschen es so erwarteten, sondern erst JETZT.

„Zwischen den Welten“ von Silke Szymura, ein Buch über Tod und Leben, ein Buch, das berührt, das unter die Haut geht. Ein Buch, das wichtig ist, und dass ich dir sehr ans Herz legen möchte.

Lass uns zusammen Leben – Lieben – Lachen
dunkle Zeiten überstehen,
um dann mitten im Frühling zu erwachen

Deine Elvira

Silke ist inzwischen Trauer- und Lebensbegleiterin, Vorsitzende des Vereins Sahaya e.V., hat einen wundervollen lauten Blog sowie eine Trauer- und Interviewplattform

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Taschenbuch „Zwischen den Welten“
ISBN-13: 978-3944648835
MASOU-Verlag
12,99 €

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2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,
    du kennst ja meine Geschichte. Ich durchlebe im Moment eine ähnliche Zeit. Es nähert sich der dritte Todestag meines Mannes, aber viel wichtiger, unser 20. Hochzeitstag. Ich merke jeden Tag, dass ich zwar lebe, auch fröhlich meinen Weg gehe, aber innerlich die tiefe Trauer fest sitzt.
    Nach deiner wunderbaren Beschreibung habe ich das Gefühl, dieses Buch ebenfalls lesen zu müssen.
    Vielen Dank dafür.

    1. Ja, liebe Karin, lies es unbedingt, vor allem, wenn du im Moment das Gefühl hast, festzustecken. Es ging mir sehr an die Substanz, doch es hat auch viel Altes gelöst, was mir so gar nicht bewusst war. Es war ein ziemlicher Befreiungsschlag in der düsteren Nacht zum Karfreitag. Und dann entdeckte ich die vielen Parallelen, die wohl in jeder Trauergeschichte stecken. Man fühlt sich verbunden und nicht mehr allein.

      Viele liebe Grüße
      Elvira

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