Oma, Großmutter, Mimi

Die weltberühmteste Oma ist sicherlich die im Märchen „Rotkäppchen“ der Gebrüder Grimm. Sie lebte allein in ihrem Häuschen mitten im Wald und wurde liebevoll von ihrer Enkelin mit Leckereien versorgt bis der böse Wolf dazwischen funkte.

Dieser Artikel stammte ursprünglich aus 2015.
Da ich gerade 2 x kurz hintereinander „Mimi“ geworden bin, habe ich ihn nun im Februar 2020 aus dem Archiv geholt und aufgefrischt.

Die Suche nach der Oma

Oma sein hat sich gewandelt und ist heutzutage völlig anders als noch vor Jahren. Denken wir mal ein bis zwei Jahrhunderte zurück. Häufig starben die Frauen bei der Geburt eines Kindes. Überlebten sie, dann sorgten Kriege, Seuchen und Hungersnöte für ihre erhöhte Sterblichkeit. Großmütter sucht man deshalb in Geschichtsbüchern und Erzählungen vergebens.

In meiner Phantasie stelle ich mir die Rotkäppchen-Oma als eine alte Frau in Rüschen und Spitze vor. Silberne Löckchen umspielen ein gütiges runzliges Gesicht. Doch die Wirklichkeit sah wohl anders aus. Sie führte ein Schattendasein. Getrennt von ihrer Familie lebte sie allein im dunklen Wald und war ständigen Bedrohungen ausgesetzt.

Oma und zwei Weltkriege

Kommen wir von der Märchenoma zu meiner Oma. Zwei Weltkriege, zahlreiche Verluste, die Flucht aus dem Sudetenland zusammen mit ihrer Tochter haben bei ihr tiefe Spuren hinterlassen. Diese Generation war hauptsächlich auf das Überleben eingerichtet. Alte Fotos zeigen mir eine ernst in die Welt blickende Frau. Sie war der Rückhalt meiner allein erziehenden Mutter, da mein Vater vor meiner Geburt durch die Folgen eines Unfalls verstarb.

Verwöhnen der Enkelin war Fehlanzeige. Für mich als Kind gab es jede Menge Pflichten und Aufgaben. Abends jedoch tauchte ich in eine Zauberwelt ein. Während die Stricknadeln in ihren Händen klapperten, das Feuer im Ofen knisterte, erzählte sie mir Märchen und Geschichten, auch Rotkäppchen.

Großmutter anstatt Oma

Die nächste Großmutter ist die meiner Kinder. Sie ist auch gleichzeitig meine Schwiegermutter. Sie hat die Schrecken des Zweiten Weltkriegs miterlebt. Hier entwickelte sich wohl ihre besondere Gabe, jedem Geschehen etwas Positives oder Vorteilhaftes abzugewinnen sowie der Welt mit Neugier und Offenheit zu begegnen. Allerdings wirkte sie als Oma immer ein wenig distanziert. Irgendwie fehlte ihr eine natürliche Herzlichkeit. War es ihr Schutz vor Traurigkeit und Enttäuschungen?

Den Begriff Oma lehnte sie ab. Großmutter wollte sie genannt werden. Es dauerte lange bis meine Kinder das aussprechen konnten. Waren sie allerdings unter sich, wandelten sie das strenge Großmutter in „Großi“ ab, weil sie fanden, das klingt viel netter. Überhaupt hatte das Oma-Sein bei ihr den Anstrich einer Pflichtübung. Nur beim Singen und Klavierspielen blühte sie auf, war voller Wärme und Fröhlichkeit. In diesen Momenten war sie ihren Enkeln ganz nah.

Ersatzmama zwischen Distanz und Nähe

Jetzt ist meine Generation an der Reihe. Ungeplant und überraschend wurde ich Oma. Damit stellte sich nicht nur das Leben meiner Tochter auf den Kopf, sondern auch meines. Damit meine allein erziehende Tochter ihren Beruf als Gesundheits- und Krankenpflegerin weiterhin ausüben konnte, wurde ich zur Bereitschaftsoma oder Ersatzmama, genannt „Mimi“.

Gingen die 68er noch auf Distanz zu ihren Eltern mit den spießigen Weltanschauungen, läuft das Oma-Ersatzmama-Modell unter engster Zusammenarbeit und Nähe. Konflikte bleiben da nie aus, lassen sich aber mit gesundem Menschenverstand und Gesprächen lösen.

Natürlich fühlen sich die Mütter/Eltern da eingeengt, haben sie doch kaum eine andere bezahlbare Alternative, wenn sie Job und Familie unter einen Hut bekommen wollen.

Was sollte eine „Mimi“ tun und lassen?

Es ist herrlich, das Enkelkind maßlos zu verwöhnen. Das ist pädagogisch zwar nicht besonders wertvoll, doch Omas müssen, sollen und dürfen das. In meinem „Enkel-Rundum-Verhätschel-Verwöhnpaket“ steckt endlose Zeit, Geduld, Gelassenheit, Toleranz und Liebe. Es gibt verschiedene Schachteln, gefüllt mit: dem Enkelkind zuhören, Wehwehchen ernst nehmen, trösten, Wünsche respektieren, loben, zahlreichen Fragen beantworten, Erlebnisse mit ihm teilen, ans Herz drücken und spielen, spielen, spielen.

Verwöhnen heißt eben nicht, dass du Narrenfreiheit hast. Mit Geschenken überhäufen oder mit Süßigkeiten vollstopfen kannst du vergessen. Alle elterlichen Betreuungsvorgaben außer Kraft setzen läuft ebenfalls nicht. Das zeugt nicht von Liebe zum Enkel, sondern setzt das Kind Konfliktsituationen aus. Wenn du die Nachkommen oft und regelmäßig betreust, hast du auch einen Erziehungsauftrag. Bestimmte, von meiner Tochter vorgegebene, Regeln halte ich ein, was das Zubettgehen, Süßigkeiten, Fernsehen, Geschenke, Benehmen bei Tisch, Wertvorstellungen, Rituale oder nur das Zähneputzen betrifft.

Manchmal allerdings brechen wir die Regeln, weil es uns großen Spaß macht, sich z.B. am Tisch so richtig daneben zu benehmen.

Mit den Augen eines Enkelkinds

Unbedingt solltest du dir von deinem Enkel die Welt zeigen und erklären lassen. Du erlebst sie aus einer ganz anderen Perspektive und wirst manches Wunder entdecken. Erst vor kurzem habe ich mit dem Dreikäsehoch eine halbe Stunde eine Schnecke beschützt, welche die Straßenseite wechselte. Im Gegenzug lernen die Enkel, dass man Rücksicht auf ältere Menschen nehmen muss. Eine Oma braucht eben mehr Ruhepausen als solch ein kleiner Irrwisch.

Fakt ist, dass es für ältere Menschen keinen besseren Jungbrunnen gibt als Enkel. Es ist herrlich, mit ihnen Unsinn und Quatsch zu machen. Du darfst dich mal wieder nach Herzenslust austoben, im Bett rumspringen, im Sand matschen, in Pfützen springen, im Wasser plantschen, auf Bäume klettern, Faxen machen oder laut und falsch singen. Was immer dir einfällt und Spaß macht, ist genau richtig. Deine Enkel lernen von dir und umgekehrt du von ihnen.

Selbst wenn die Oma in die Peinlichkeitsphase kommt (das Enkel ist dann ca. 10 Jahre alt), wird das vom Kind mit einem nachsichtigen Gesichtsausdruck akzeptiert. Anmerkung: Eine Mimi ist besonders seltsam und oberpeinlich.

Mimi, erzähl wie es früher war

Bereits meine Kinder liebten die alten Fotoalben. Auch meine Enkel sind darin vernarrt, entsprechend zerfleddert sehen sie inzwischen aus. Auch werden sie nie müde immer und immer wieder Familiengeschichten zu hören. Als Oma bist du die Vermittlerin zwischen Jung und Alt. Du sorgst dafür, dass die nächste Generation über Rituale und Traditionen in der Familie aufgeklärt wird.  (Iiiihhh, ist das spießig) Ob sie übernommen werden? Wer weiß. Vielleicht werden sie in geänderter Form weitergeführt.

Eine weitere Aufgabe als Großmutter sehe ich darin, Bindeglied innerhalb einer sich immer weiter verzweigenden Familie zu sein.

Der Zauber des ersten Mals

Ich bin überzeugt, dass man zu seinem ersten Enkelkind eine ganz besonders innige Beziehung hat, denn schließlich ist man durch dessen Geburt zur Oma geworden. Mit einem Schlag gehört man der nächsten, der älteren Generation an. Die ersten Fotos oder die ersten vom Enkelkind gemalten Bilder zum Geburtstag sind Kostbarkeiten. Wenn man das erste Mal gemeinsam  in den Zoo, ins Puppentheater, ins Schwimmbad oder sonst wohin geht, sind das einzigartige Glücksmomente.

Oma und Enkel
Wie sich das Leben einer Oma im Lauf der Zeit wandelt

Lieblingsenkel

Das erste Enkelkind ist ganz besonders. Seine Geburt wird mit Spannung erwartet und wenn es auf die Welt kommt, ist die Freude grenzenlos. Deine ganze Konzentration richtet sich auf dieses heranwachsende Lebewesen. Wohnt es dann noch in der Nähe kann sich eine tiefe Enkel-Oma-Beziehung aufbauen. Bei mehreren Enkeln verteilt sich deine Aufmerksamkeit zwangsläufig.

Wissenschaftliche Untersuchungen untermauern die Tatsache, dass es Lieblingsenkel gibt und mein gesunder Menschenverstand kann das voll und ganz bestätigen. Ich hoffe sehr, dass jede Oma selbst reflektiert, ob und welche Enkel sie bevorzugt oder benachteiligt und auf Ausgleich bedacht ist.

Oma und Opa bald Mangelware?

Die heutigen Großeltern sind in der Regel fit und unternehmungslustig. Davon profitieren Eltern und Enkel gleichermaßen. Doch wird es in Zukunft weniger Omas und Opas geben, denn die Zahl der Geburten geht permanent zurück. Kinder wollen heute nicht mehr so richtig in die Lebensplanung hineinpassen. Entweder es ist noch zu früh oder plötzlich ist es dann zu spät. Jetzt, im Frühjahr 2021 nach einem Jahr Leben mit dem Corona-Virus, habe ich allerdings den Eindruck, die Zahl der Geburten steigt. Mal sehen, was die Statistik dazu sagen wird.

Nach wie vor müssen Frauen die schwerwiegende Entscheidung treffen: Kind oder Karriere. Beides ist nur mit einem ausgeklügelten und oft kostspieligen Betreuungssystem zu vereinbaren. Klingt abgedroschen, altmodisch, wie aus fernen Zeiten, ist aber so. Kindergarten- oder Hortplätze sind rar und hat man einen ergattert, passen deren Öffnungszeiten selten bis nie zu den Arbeitszeiten. Es hat seine Gründe, dass alleinerziehende Mütter trotz guter Ausbildung oftmals in der Sackgasse der Sozialhilfe landen.

Spätestens im Alter bekommen Frauen dann die Quittung für ihren Kinderwunsch. Da sind Erziehungszeiten weniger wertvoll als eine Berufstätigkeit. Da gibt es nur Minibeiträge in der Rentenversicherung aufgrund von Teilzeitarbeit. Da klaffen Lücken, weil Frau keinen „passenden“ Job fand und weiterhin zuhause blieb, wohl versorgt vom gut verdienenden Mann. Die berüchtigte „Altersarmut“ betrifft die Omas unserer Zeit.

Keine Kinder? Nur Karriere? Für mich war klar, dass ich Kinder haben wollte. Ein Leben ohne lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Heute weiß ich, es war genau die richtige Entscheidung und all die Mühen wert. Dankbar und sehr stolz schaue ich auf meine Familie: 3 „meine“ Kinder, 2 „seine“ Kinder, dazu kommen Schwiegerkinder und Partner sowie 5 entzückende Enkel, natürlich die Hübschestes, Süßesten und Intelligentesten der Welt.

Lass uns zusammen LEBEN – LIEBEN – LACHEN
und wundervoll verrückte Sachen
mit den Enkeln machen

Deine Elvira

Und wer keine Enkel hat, kann sich als Leihoma ausprobieren. Bei einer der vielen allein erziehenden Mütter wirst du bestimmt mit Kusshand genommen.

7 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,
    sooo schön geschrieben und du hast sooo recht. Ich habe drei süße Enkelkinder. Ein Mädchen 10 und zwei Jungen 5. Die beiden sind aber keine Zwillinge. Der eine ist im April geboren (auf dem Geburtstag seines Papas) und der andere im Mai. Kann man ein Enkelkind mehr lieben als die anderen? Muss man da ein schlechtes Gewissen haben? Mein Enkelkind Nr. 1, jetzt10 Jahre, war schon ab dem Kindergarten jeden Freitag regelmäßig bei uns, bis 2019. Ich habe also viele Entwicklungsphasen hautnah erlebt. Wenn ich sie anschaue, dann wird mir ganz warm ums Herz. Ich liebe dieses Mädchen abgöttisch. Das heißt aber nicht, dass ich die beiden Jungs nicht liebe. Sie sind genauso ein Sonnenschein.
    Aber so sind wir Omas. 😉
    Liebe Grüße
    Gudrun

    1. Liebe Gudrun,
      wir lieben unsere Enkelkinder alle von ganzen Herzen, ein Jedes auf seine ganz besondere Art. Ich glaube, es kommt ein bisschen mit darauf an, wie nah die Verbindung ist und damit eben auch, wieviel Zeit eine Oma mit ihnen verbringen kann.

      Noch viel Freude mit und an deinen Enkeln.

      Alles Liebe und lass es dir gut gehen
      Elvira

  2. liebe Elvira, ich bin überzeugt, Du bist für Deine Enkelchen die liebste MIMI.
    Du bist zu beneiden !Wenn ich an unsere Enkelkinder denke und Deine Zeilen lese, so bin ich sehr betrübt.
    Ab und zu, wenn ich bei meinen Wanderungen einer Mutti mit ihren Kleinen, die so daherwatscheln sehe , ja- dann frage ich schon mal, ob sie mir den/die Kleine nicht verkaufen wollen.
    Aber kein Glück.
    Weist Du, als man Vater der eigenen Kinder war, da hatte man eine Verpflichtung, sie sollte eine gute Erziehung haben und einmal ihren Weg gehen. Enkel waren in weiter Ferne – das reale Leben, geprägt von eigenen Leben und insbesondere der Kindheit in Armut und in bescheidenen Verhältnissen standen immer vor den Augen. Du sagtest es: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben“.
    Dann flogen sie aus! Sie bestimmten ihr eigenes Leben- das war ja normal. Es gab Enkelkinder – aber in weiter Ferne. Der richtige Kontakt fehlte – ja man wurde sich etwas fremd.
    Man wurde älter und spürte: es fehlt etwas- es fehlt das, was Dich glücklich macht,
    …und das wünsche ich Dir weiterhin.

  3. Herzlichen Glückwunsch zu den „neuen“ Enkeln. Das ist doch eine tolle Sache so kurz hintereinander Oma zu werden. Ich habe leider keine Enkel, da ich auch keine Kinder habe. Aber ich habe 3 Neffen und 4 Großneffen. Besonders zu meinem einen Neffen habe ich ein sehr gutes Verhältnis. Das ist sehr schön.

    Ich wünsche dir viele schöne Stunden mit den Enkeln.

  4. Wieder wunderbar, liebe Elvira.
    Schreibst du von mir oder von dir 😉
    Ich könnte, wenn mich jemand fragen würde, vieles bestätigen, was du schreibst. Der erste Enkel ist tatsächlich etwas besonderes und der Kleine nun 6jährige hat am Donnerstag seine Einschulung. Spannung und Freude pur. Der nächste wieder anders, er hat wieder andere liebenswerte Züge. Ich liebe sie beide und nun erwarten wir Anfang November den dritten Jungen ?

    1. Enkel haben zu dürfen ist wie ein Blick in die Zukunft. Generation folgt auf Generation, es geht weiter, vielleicht unaufhörlich. Wer weiß. Ja und sie sind alle unterschiedlich und alle liebenswert, jedes Kind auf seine ihm eigene Art und Weise. Mit dem 3. Enkel bist du mir dann um einen voraus.

      Ganz liebe Grüße
      Elvira

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