Pilgern in Frankreich

Pilgern ist ganz einfach

Was brauchst du zum Pilgern? Nicht viel: Du legst das Datum, den Weg sowie das Ziel fest. Dabei helfen dir ein Kalender und ein Pilgerreiseführer. Nun kannst du dich wieder deinem ganz normalen Alltag widmen, denn alles wesentliche ist erledigt. Ganz einfach.

Ich muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es sich bei den Hotelnennungen um Werbung handelt, auch wenn ich die gesamte Reise aus eigener Tasche bezahlt habe.

Beim Pilgern kommt es auf die gute Vorbereitung an

Richtig. Meine bestand darin, dass ich eines Tages feststellte: „Halt, da war noch was.“ Ich hatte gelesen, dass Frankreich in dem Gebiet unserer Pilgerwanderung extrem dünn besiedelt sein sollte. Stolz über mein Gedächtnis und meine Weitsicht buchte ich ratzfatz Hotelzimmer für die ersten drei Etappen. Fertig.

Der Tag der Abreise nahte. Am Abend vorher suchte ich im Keller nach meinem roten Rucksack und stopfte schnell das Nötigste hinein. 7 kg wog er, ohne Wasservorrat. Perfekt.

Nachdem nun alles getan war, kam ein ganz feierlicher Moment. Ich öffnete mein unberührtes Tagebuch „Pilgerreise 2018“. Der erste Eintrag sollte der Text sein, den ich schrieb, als wir unsere letzte Wanderung vorzeitig beenden mussten. Die Füße wollten uns nicht mehr tragen und die Bahnmitarbeiter streikten. Wir hätten es mit Schienenersatzverkehr und Zwischenaufenthalten nicht rechtzeitig zum Urlaubsende nach Hause geschafft.

Aus meinem Pilgertagebuch vom Sonntag, 15. Juni 2014

Wir sitzen in der uralten Kathedrale von Joinville. Leise klingt Chormusik aus versteckten Lautsprechern. Schweren Herzens beschließen wir, hier unsere Pilgerwanderung zu beenden.

Pilgerbeginn
Die Sonne erleuchtet die Fensterrosette der Kirche Notre-Dame in Joinville

Traurig stecken wir zwei Kerzen an. Während mir die Tränen über das Gesicht laufen, sehe ich die aufgeschlagene Bibel. Ich kann nicht lesen, was dort in französisch steht, nur dass es aus dem 2. Brief des Apostel Paulus an die Korinther, Kap. 13, 11-13 ist. Zuhause schaue ich gleich nach und bin getröstet:

Brüder, freut Euch miteinander!
Bringt alles bei Euch in Ordnung!
Ermahnt und ermuntert Euch gegenseitig!
Habt doch immer dasselbe im Auge!

Haltet Frieden untereinander!
Dann wird auch der Gott der Liebe
und des Friedens mit Euch sein.

Grüsst einander mit dem heiligen Kuss!
Es grüssen Euch alle Heiligen.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit Euch allen!

Pilgern 2018 – Beginn: Dienstag, 18. September

Mit dem Auto erreichen wir Joinville. Alles ist wie gehabt. Häuser stehen immer noch zum Verkauf und die blinden Scheiben leerer Geschäfte starren uns wieder an. Es zieht mich in die Kirche Notre-Dame. Alles ist wie gehabt, nur eines nicht: Die Bibel fehlt. Grenzenlose Enttäuschung breitet sich in mir aus. Sie war der Anker, an dem meine Vorstellung hing. Die ganzen Jahre wußte ich, dass ich hierher zurückkomme. Dann wäre eine neue Seite aufgeschlagen und ein neues Kapitel würde mich beim Pilgern begleiten. Schade. Wir wandeln durch die unebenen Gänge der uralten Kirche, die trotzdem wieder ihren Zauber auf mich ausübt. Wir entzünden zwei Kerzen bei der Marienfigur und bitten um Schutz sowie Geleit auf unserem Weg. Draußen streifen wir durch die Gassen und gönnen uns in einer Patisserie ultrasüße Törtchen. Das ist gleich die erste Gelegenheit einen Satz aus meinem 50 Wörter umfassenden Französisch-Fundus anzubringen. Ich glaube, die Bedienung hat mich sogar verstanden . . . oder war es mehr der Fingerzeig auf das Objekt unserer Begierde?

Pilgern Joinville
Joinville – hier treffen sich Ende und Anfang unserer Pilgerreise

Gestärkt fahren wir nach Longchamps-sur-Aujon. Dort wollen wir morgen starten. Im Gîte „Chez Jo“ begrüßt uns sehr herzlich das Gastgeberehepaar, danach beziehen wir unser herrlich rosarotes Zimmer (welch ein gutes Vorzeichen). Während wir durch das Dorf schlendern, kümmert sich Monsieur beim Bürgermeister (zuhause, es ist immerhin 17.30 Uhr) um einen 3-Wochen-Stellplatz für unser Auto. Wir sind sehr dankbar über diese Hilfsbereitschaft und die Genehmigung, das Fahrzeug so lange Zeit in einem Hinterhof parken zu dürfen. Nachdem das geregelt ist, bleibt nur noch die zwei Pizzen samt Bier im wunderschönen Garten zu verspeisen und dem neuen Tag entgegen zu schlafen.

Von Longchamp-sur-Aujon nach Essoyes

Frohen Mutes geht es los. Bis jetzt hat alles prima geklappt. Sogar die Mairie, das Rathaus, hat wundersamerweise heute morgen geöffnet. Wir holen uns den ersten Pilgerstempel.

Der liebe Gott behütet sicherlich den Pilger. Ob er das auch beim ganz normalen Wanderer macht, entzieht sich meiner Kenntnis. Den Beweis, dass Gott ganz nah am Pilger dran ist, liefert er mir bereits nach 10 km. So lange brauchte er, um meinen Wunsch zu erhören und umzusetzen. Der lautete: „Ich möchte genau dort anfangen, wo ich das letzte Mal aufgehört habe.“ Ohne genauere Angaben hat er allerdings meine Bitte gründlich mißverstanden. Ich wollte nach Joinville und mich gestärkt durch einen Bibelvers auf den Weg begeben. Er jedoch hat „das große Ganze“ im Blick.

Die Abtei von Clairveaux
Der zugängliche Teil der Abtei von Clairveaux

Fröhlich und erwartungsvoll laufen wir auf dem Schotterweg nach Clairveaux, schauen kurz auf das Kloster, welches bereits vor langer Zeit in eine Strafvollzugsanstalt umfunktioniert wurde, gehen über die kleine D 70 aus dem Ort hinaus und dem „großen Ganzen“ entgegen. Wie beim letzten Mal laufen wir am Straßenrand einer sich ewig geradeaus dahinziehenden Straße entlang. Es ist heiß. Der Asphalt glüht. Lastwagen donnern vorbei. Nach 2 km bin ich gefrustet, nach 5 km entnervt. Unter meinem linken Fuß sticht was. Schmerzen breiten sich aus.

Eine Pilgerreise in Frankreich
Pilgern – immer geradeaus am Straßenrand entlang

Entsetzen und Erinnerungen

Nach 9,5 km machen wir Rast bei der kleinen Chapelle de Mondeville. Die Inspektion des Fußes zeigt: eine Riesenblase überzieht den gesamten Mittelbereich des Fußes. Entsetzt starre ich darauf. Gleichzeitig flüstert eine innere Stimme: „Jetzt ist alles genau so, wie du beim letzten Mal aufgehört hast.“ 15 km liegen heute noch vor mir und es gibt kein Entrinnen. Da trösten auch die Weinberge der Champagne nicht.

Chapelle de Mondeville
Ich kann die kleine Kapelle schon sehen und auch die ersten Weinberge der Champagne

Gleich darauf noch eine kreischend laute Erinnerung an das letzte Pilgern. Ein Düsenjäger fliegt in geringer Höhe über uns hinweg. Ich halte mir die Ohren zu, trotzdem ist es extrem laut. Der Flieger schaukelt ein wenig hin und her als wolle er uns verhöhnen, legt sich dann in die Kurve und ist weg.

Erbarmungslos zieht sich das Asphaltband dahin. Während neben mir Beton-Laster Staub aufwirbeln, frohlockt Thomas vor mir, dass wir wie ein Uhrwerk laufen. Jede Viertelstunde schaffen wir einen Kilometer und sollten demnach in knapp 2 Stunden den nächsten Ort erreichen. Super. Es pikt unter dem rechten Fuß. Hör auf zu denken, ermahne ich mich. Lauf einfach. Ignoriere den Schmerz. Im Hinterkopf rumort es: „Ein Pilger muss büßen und beten.“ Also gut, das mit dem Beten sehe ich ein, doch büßende Füße finde ich übertrieben.

Jakobsmuschel
Da geht es lang

Über eine Kastanienallee laufen wir aus St. Usage hinaus, sehen zum 1. Mal das Muschelzeichen, welches uns den Weinberg hinauflockt zum Plateau de Blu. Mit offenem Mund bestaune ich die unter mir liegende zauberhafte Landschaft. Alle Schmerzen sind vergessen. Ich humpele herum, fotografiere, betrachte das Cadole, ein kleines Steinhäuschen und kann mich kaum von der Idylle trennen.

Plateau de Blu
Grandioser Blick über die Weinberge vom Plateau de Blu

Wünsche werden erfüllt – besonders schnell beim Pilgern

Begleitet von Weinbergen erreichen wir mit letzter Kraft Essoyes. Weil sich dem Pilger immer wieder ein Berg in den Weg legt, liegt unser Hotel „Les Demoiselles“ natürlich am Hang. Nicht denken. Gehen. Vorstellungskraft an. Großes kühles Bier vor Augen. Weiterlaufen. Geschafft.

Wie aus dem Nebel dringt eine Frage der Rezeptionistin an mein Ohr. Was will sie? Egal. Ich antworte: „Qui, qui“, und „Ou est le bar?“ Warum guckt sie mich so seltsam an? Inzwischen ist auch Thomas angekommen. Dreckig wie wir sind, genießen wir unser Bier und starren sehnsüchtig auf den Pool, für den uns die Badesachen fehlen. Später genehmigen wir uns als Belohnung ein Steak, schließlich hält Essen Leib und Seele zusammen. Ich glaube, wir werden beides noch brauchen.

Nur noch die kaputten Füße verarzten und dann schlafen. Diese blasenfrei Merinosocken sind ein Witz und teuer obendrein. Vielleicht vertragen sie sich auch nicht mit den extra weichen Trekkingschuhen? Ach, was weiß ich woran es liegt. Noch nie hatte ich Blasen am ersten Tag. Da, wieder die Stimme: „Du hast es dir gewünscht. Du wolltest genau dort beginnen, wo du aufgehört hast und das war in Joinville mit einer Menge Blasen unter den Füßen, genau an den gleichen Stellen wie jetzt. Ich habe dir deine Wünsche erfüllt. Nun sei zufrieden und jammer nicht herum.“

Erkenntnis des Tages: Achte auf deine Wünsche.

Von Essoyes nach Les Riceys

Etwas erholt und frohen Mutes gehen wir von unserem „Desmoiselles-Berg“ hinunter nach Essoyes. Der Ort ist stark geprägt vom Maler Auguste Renoir, der hier mit seiner Familie lebte und wirkte. Überall begegnet man ihm, besonders auf den großen Reproduktionen seiner Bilder, die an Hauswänden prangen. Wir wandeln über den blumengeschmückten Renoirweg vom idyllischen Flüsschen hoch zur Kirche. In der bereits mehrfach durch Hinweisschilder angekündigten Boulangerie holen wir unsere Wegzehrung. (Die ist deshalb wohl so besonders, da es kaum noch Bäckereien in den Orten gibt. Die kleinen Geschäfte sterben aus.)

Essoyes
Zauberhaftes Essoyes am frühen Morgen
Renoir und Essoyes
Essoyes – Renoir lebte hier. Man sieht es überall.

Der Weg windet sich durch Wälder und Weinberge. Das schont etwas die Füße. Die Wegwarte mit ihren blauen Blüten muntert mich auf. Kurz vor Couteron weisen diverse Schilder auf das Vorhandensein mehrerer Cadoles hin, das sind alte, aus Steinen erbaute Schutzhütten für die Weinbergarbeiter. Ich belasse es dabei, der Hütte links von weitem einen Blick zuzuwerfen bevor ich mich an den steilen Abstieg ins Dorf mache. Jeden Schritt begleitet ein Aufjaulen meiner Füße.

Die Wegwarte begleitet den Pilger
Die unscheinbare blaue Wegwarte schenkt mir Kraft zum weiterlaufen

Dem Champagner ganz nah

Couteron ist ein hübscher Ort, der viele Champagnerfirmen beherbergt. Vor dem Rathaus bei der Kirche legen wir uns in den Schatten eines Baumes zur Mittagsruhe, argwöhnisch beobachtet von Menschen hinter Gardinen. Ich spüre ihre Blicke, ihre Gedanken „Wer sind diese beiden Vagabunden?“ Irgendwann müssen wir weiter.

Couteron
Ich hätte so gern mal eine geöffnete Kirche. In Couteron ist sie leider auch verschlossen.

Wir überqueren eine Brücke, unter der die weltberühmte Seine als Bächlein fließt und erklimmen die nächste Höhe. Auf der Kuppe sind wir zunächst orientierungslos. Oh nee, wir sollen geradeaus gehen, müssen durch den ganzen Schotter wieder runter, um unten vor einem Rätsel aus sternförmigen Wegen zu stehen. Und jetzt? Meine Füße würden keinen Irrtum akzeptieren. Wir beschließen geradeaus am Waldrand wieder bergauf zu gehen. Glück gehabt, wir sind auf dem richtigen Weg.

Die Seine in Couteron
Es stimmt wirklich, der kleine Fluss da unten ist die weltberühmte Seine

Blaue Champagnertrauben hängen teilweise noch an den oben und seitlich von Maschinen gekappten Reben. Manchmal sehen wir eine, die wohl die Lese bewerkstelligt, Trauben abzupft und die Rispen hängen lässt. Nichts mit Romantik und vielen fröhlichen Menschen, die mit Kiepen auf dem Rücken durch den Weinberg ziehen und Trauben abschneiden – das war einmal.

Zeitsprung – zurück ins Mittelalter

Pause vor den Funkmasten von Les Riceys, dann hinab ins Tal nach Ricey-Le-Haut. Dumm gelaufen, unser Hotel liegt in Ricey-Bas. Das sind nochmal 2 km Landstraße bis dorthin. Mein Gehirn schickt noch das Signal „Laufen“ in Richtung Beine, dann schaltet es ab; bis zur Ankunft im Dorf. Sprachlos starre ich auf auf dieses Gebilde, welches einer anderen Zeit entsprungen scheint. Da steht eine riesengroße, reich verzierte Kirche umringt von einem Schloss und zahllosen grauen Steinhäusern. Das gibt es doch nicht, wird hier gerade ein Film gedreht? Vorsichtig drehe ich mich um, suche die Kameras. Doch alles scheint echt.

Les Riceys
Die mächtige Kirche beherrscht das Ortsbild
Graue Steinhäuser in Ricey-Bas
Alles ist aus grauem Stein. Wir fühlen uns wie im Mittelalter.

Unser Hotel „Le Marius“ ist im gleichen Stil gehalten. Bestimmt ahnte Madame, dass wir uns heute besonders gequält haben. Sie gibt uns als upgrade eine Suite mit Eckbadewanne. Ich springe gleich hinein. Mein total erschöpfter Körper entspannt sich, mein Gehirn schaltet sich wieder ein. Wonne pur. Wir beschließen, uns heute in die Kategorie „Luxuspilger“ einzustufen und bestellen im mittelalterlich anmutenden Restaurant ein großartiges Menü begleitet von Champagner. Körper, Geist und Seele schwelgen. Was morgen wird, wo wir eine Unterkunft finden, wie es überhaupt weitergeht, daran verschwenden wir jetzt keinen einzigen Gedanken.

Erkenntnis des Tages: Verschwende keine Gedanken an später oder morgen, nur das Jetzt zählt.

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