Von einer Radtour, Männern, der Kontaktbörse der Bahn und dem Bauchgefühl

Es war einmal so eine Sponti-Idee. Lass uns doch ein verlängertes Wochenende zu einer Fahrradtour nutzen. Gesagt, getan. Schnell war klar, es sollte die Klostergarten-Route sein. Beginn fast direkt vor unserer Haustür. Teilnehmer: Ein Mann (Thomas), eine Frau (ich), die Bahn und viel Bauchgefühl.

Zwei Nordhessen bei illegalem Grenzübertritt ertappt

Wo andere lange planen, an ihrer Kondition und Ausdauer arbeiten, ihr Fahrrad auf technische Zuverlässigkeit prüfen, sich rechtzeitig um Unterkünfte und weiteres mehr kümmern, sind wir mehr die Spontanen. Immerhin haben wir zur Vorbereitung einen Flyer mit der groben Routenbeschreibung aus der Schublade gefischt und festgelegt, dass der Startpunkt Warburg in Westfalen sein sollte. Ein bisschen mulmig wurde mir da schon, denn ich musste die Landesgrenze überschreiten. Vor meinem geistigen Auge entsteht die Schlagzeile: Nordhessin bei Grenzübertritt ertappt. Doch nur wer wagt, gewinnt auch.

So finden wir uns zwei Tage später am Bahnhof Hofgeismar ein, um mit der Regionalbahn zum Startpunkt zu gelangen. Das hört sich leichter an als getan.

Frau beim Beladen des Zuges unter die Räder gekommen

Hast du schon einmal, beladen mit einem Drahtesel samt Gepäcktaschen, versucht, die Stiegen eines Zuges zu erklimmen, geschweige denn, dich nebst Fahrrad durch die enge Tür zu zwängen? Solltest du dergleichen jemals vorhaben, rate ich dir, dich mehrere Wochen vorher zum Krafttraining in einem Fitness-Studio anzumelden. Nur mit entsprechenden Bizeps bist du nämlich in der Lage, das Rad fast senkrecht auf die Zugtreppe zu hieven. Als Nächstes quetscht du dich zwischen Sattel und Zugtür. Eine Hand hält vorn den Lenker, während die andere versucht, das Hinterrad anzuheben. Nun hängst du da, noch nicht im Zug drin, aber auch nicht mehr draußen.

Verflixt und zugenäht, wie soll ich nun das Hinterteil des Rades samt Gepäcktaschen an meinen Rundungen vorbei in das Abteil wurschteln? Außerdem sind meine Arme viel zu kurz für dieses Manöver. Wieder aussteigen und vom Bahnsteig das Hinterrad mit beiden Armen in den Zug stemmen? Dann kippt das Fahrrad zur Seite, sobald es in seiner ganzen Länge im Zug ist. Meine Zeit läuft ab. Der Schaffner steckt die Trillerpfeife in den Mund, richtet die Augen auf mich, mustert mit unbewegtem Gesicht meine verzweifelten Bemühungen, wohl ahnend, dass der Zug mit Verspätung starten wird. Immerhin verhindert das Rad, dass sich die Tür selbsttätig schließt, und ich vom anfahrenden Zug mitgeschleift werde.

Die Kontaktbörse der Bahn

Langsam dämmert mir, dass ich es hier mit einem genialen Schachzug der Deutschen Bahn zu tun habe. Von wegen, selbst ist die Frau. Eine Fahrradverladung funktioniert nur gemeinsam, und welches Wesen wäre dazu besser geeignet als ein starker Mann. Frauchen appelliert an die Hilfsbereitschaft eines starken Mannes entweder durch Wimpern klimpern und/oder verzweifeltem Blick, dieser eilt herbei, wuchtet das Rad in den Zug und erntet dafür große Dankbarkeit. Genial, die Bahn als Kontaktbörse. Das ließe sich marketingmäßig bestimmt ausschlachten. Hat früher der Gentleman die Dame zu einem Kaffee eingeladen, lädt er nun Fahrräder ein (oder aus). Dabei kommt man sich auf jeden Fall näher und hat auch gleich ein Gesprächsthema. Leider sehe ich nicht mehr salonfähig aus. Wer hilft schon einer Frau mit knallrotem schweißverziertem Gesicht?

Mein Retter in der Not

Thomas, mein liebster Partner, eilt herbei und entwirft zuerst einen ausgeklügelten Schlachtplan. Anmerkung: Die Augenbrauen des Schaffners ziehen sich bedrohlich zusammen, signalisieren Beeilung.

Der Schwierigkeitsgrad bleibt zwar der Gleiche, doch können wir mit dem „System Thomas“ eindeutig bei den Haltungsnoten punkten. Gibt es eigentlich für die Breite einer Zugtür keine DIN Norm? Und wo ist das Schild am Zug, welches auf eine Gefahrenstelle hinweist, eine zu bewältigende Steigung von ca. 80 Grad, und dass die Deutsche Bahn keine Haftung für kraftlose Einzelpersonen beim Be- und Entladen des Zuges übernimmt?

Verzweiflung und die ersten blauen Flecken

Das Aussteigen erfolgt nach dem gleichen System, nur in umgekehrter Reihenfolge. Ich steige aus und nehme das von innen angereichte Fahrrad, über dem Abgrund der Gleise balancierend, hastig entgegen. Mein Blick irrlichtert über den Bahnsteig, sucht ein Geländer zum Abstellen, findet keins. Dann muss der Fahrradständer herhalten. Wackelt. Wird schon gehen. Weiter.

Da ertönt ein Pfiff. Ich schlage verzweifelt außen auf den automatischen Öffner, Thomas innen. Es dauert gefühlte 5 Minuten bis die Tür reagiert, Thomas mit dem zweiten Rad nach außen drängt und dabei versucht, mit seinem Ellenbogen den Türausschnitt zu verbreitern. Autsch, das schmerzt. Inzwischen begrüßt mein Fahrrad seine wiedererlangte Freiheit und kippt scheppernd zur Seite. Fazit der Aktion: Ein rasender Puls, Prellungen und völlig durchgeschwitzte Klamotten.

Das Bauchgefühl zeigt uns den Weg

Bergab rollen wir nun der Diemel entgegen und hoffen, dass dort die Klostergarten-Route ausgeschildert ist. Während ich solche Wegvorgaben liebe, kann ich mich doch dann völlig auf die Landschaft und Begegnungen konzentrieren, kann Thomas, mein Aufklärerfuchs, darauf verzichten. Sein Bauchgefühl sagt ihm, welches der richtige Weg ist. Außerdem hat er den Flyer, auf dem die Wegstrecke grob skizziert ist. Die Radfahr-App wird nur in Extremsituationen genutzt, falls man sich mal verfährt. Meine Bedenken schleudere ich zur Seite, schließlich muss Frau auch mal Vertrauen in die Fähigkeiten des Mannes haben. Mit einen verzückten Blick zurück auf die zauberhafte Kulisse der Altstadt Warburgs strampele ich dann mutig hinter meinem lebendigen Navi her.

Altstadt Warburg

Trügerisches Bauchgefühl

Wir nähern uns einer Wegkreuzung. Kein Hinweisschild. Das Bauchgefühl sagt: „Nach links abbiegen.“ Nach 6 km und dem Unterqueren der Autobahn (Inzwischen war mir durch genaue Ortskenntnis sonnenklar, wo wir uns befinden und ebenso klar, dass wir hier grundfalsch sind.) ziehen dunkle Wolken hinter meiner Stirn auf. Unbeeindruckt tritt Thomas kräftig in die Pedale, hört nicht auf mein Geschrei. Wie sollte er auch, denn wir befinden uns auf der stark befahrenen Bundesstraße. Rechts die Leitplanke, links dichter Autoverkehr und dazwischen wir. So mancher Brummifahrer zeigt mir durch Hupen und Gesten deutlich, was er von dieser Aktion hält. 2 km weiter zerre ich mein Fahrrad durch eine Lücke hinter die Leitplanke. Am ganzen Leib zitternd sitze ich im Straßengraben.

Ich wollte doch nur ein paar Tage Fahrrad fahren, von lebensmüde war nie die Rede. Thomas, inzwischen auf einem Feldweg unterwegs, bemerkt meine Abwesenheit, kommt zurück und verkündet, dass ich jetzt vertrauensvoll hinter ihm herfahren kann, da nun unser kleines technisches allwissendes Gerät zum Einsatz kommt. Ohne Worte.

Ein kleiner Umweg öffnet völlig neue Perspektiven

Der kleine Umweg betrug nur gute 10 km, die lassen sich leicht verkraften. Wie wundervoll dagegen die Möglichkeit, völlig neue Eindrücke zu sammeln, die man sonst nie erlebt hätte. Außerdem wächst man bei einem solchen Abenteuer über sich hinaus.

Sinnesgarten Germete

Erholung finden wir im „Sinnesgarten“ in Germete, ein spiritueller Ort ökumenischer Begegnung.

Ich habe Zeit. Ich muss nicht eilen. Ich darf verweilen. Welch ein Geschenk.
(Rita Buchaly)

Leider haben wir diese Zeit nicht. Im Gegenteil, sie drängt, denn unsere Unterkunft befindet sich in 50 km Entfernung, und wenn wir so weitermachen, kommen wir dort nie an. Die nächste Herausforderung wartet bereits an einer langgezogenen Steigung. Meine Gangschaltung spielt verrückt. Die Kette rastet nicht richtig auf den Zahnrädern ein, und ich raste gleich aus. Außerdem schleift und klappert irgendwas bei jeder Umdrehung der Pedale.

Sinnesgarten Germete

Eine Fahrradtour und ein Schadensfall

Nun muss du wissen, dass mein Fahrrad ein betagteres Modell mit 21 Gängen ist. Alt, jedoch äußerst zuverlässig. Und nun, mitten in der hügeligen Pampa mit Winzdörfern ohne jegliche Werkstatt, nimmt sich die alte Lady gleich zwei Zipperlein und denkt an eine Auszeit. Prima, perfektes Timing. Ich steige ab. Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt.

Oben am Gipfel angekommen, untersucht der bereits lange dort wartende Thomas den Schadensfall und kommt zu dem Ergebnis, dass es wohl das Tretlager ist. Nichts zu machen. Gut, kein Problem, ich besitze immerhin noch 7 Gänge, wer braucht schon mehr und an das Klackern werde ich mich mit der Zeit gewöhnen. Weiter geht’s, Aufgeben ist keine Option.

Warum liegen Klöster eigentlich immer auf einem Berg? Oder trügt meine Wahrnehmung?

Die Strecke windet sich bergauf, bergab und zusätzlich verfahren wir uns mal wieder. Was soll’s. Ich bin im Bereich stoischer Gelassenheit angekommen. Das Schieben macht mir kaum noch was aus. Wandern in Fahrradbegleitung, vielleicht ist es der nächste Trend. Sollte ich ein Patent darauf anmelden?

In Scherfede steht der „Zionsgarten“ auf unserem Besichtigungsplan. Sonnenverwöhnt mit herrlicher Aussicht plus Meditationspfad, so die Kurzbeschreibung unseres Flyers. ‚Herrliche Aussicht‘ hätte mir eigentlich verdächtig vorkommen müssen, doch den versteckten Hinweis habe ich bei ’sonnenverwöhnten Garten‘ ignoriert. Steil führt die kleine Straße hinauf auf den Berg, immer weiter. Ein Stück lang behält mein Trotz die Oberhand, doch dann siegt die Einsicht, dass dieser Abstecher uns endgültig fix und fertig macht. Da müssen die Diakonissen auf unseren Besuch verzichten. Wir kehren um.

E-Bike – ha, fahren nur Leute, die Anstrengungen scheuen

Beim Hinunterrollen werden die Bremsen aufs Ärgste strapaziert, doch kurze Zeit später können sie sich bei der nächsten Steigung gleich wieder abkühlen. Japsend steige ich vom Rad, mit verzerrten Grinsen grüße ich ein älteres Paar, welches mit seinen E-Bikes fröhlich lächelnd flott an mir vorbeizieht.

„Wie unsportlich ist das denn?“

„Wenn ich mal so alt bin wie die, dann kaufe ich mir vielleicht, aber nur ganz vielleicht, auch mal einen dieser motorisierten Drahtesel. Jetzt bin ich noch zu jung dafür. Außerdem bin ich doch kein Weichei!“, schießt es mir durch den Kopf.

„E-bike fahren kann doch Jeder, ist doch keine Leistung. Und wenn ich gerade schnaufe wie ein Dampfross, liegt es an der Gangschaltung und an dieser blöden Route und auf gar keinen Fall daran, dass ich ein untrainiertes Etwas, genannt „Couchpotatoe“ bin.“

Mit diesen, mir mutmachenden, Gedanken rollere ich bergab.

Klostergarten-Route, Leistungsgrad: mittel

Es dauert nicht lange und der nächste Hügel nähert sich bedrohlich. Wer hat eigentlich diese bescheuerte bergige Strecke ausgesucht. Schwierigkeitsgrad mittel war irgendwo erwähnt. Ist das mittel?

Es ist nach Mittag und über die Hälfte des Weges liegt noch vor uns. Ich mag nicht mehr da rauf. Ich streike. Ich bleibe jetzt hier im kühlen Wiesengrunde einfach liegen und rühre mich nicht mehr von der Stelle.

Ob ich dort immer noch liege, erfährst du nächste Woche.

Lass uns zusammen Leben – Lieben – Lachen
und viele, auch mal anstrengende, Sachen machen

Deine
Elvira

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3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Elvira,
    ich fahre nur noch E Bike und will kein anderes mehr haben. Da kann man auch schon mal den Wind abschalten und der Regen ist auch nicht schlimm. Fahre aber auch 20 km an 5 Tagen die Woche zur Arbeit.
    Ich kann Dir nur empfehlen, leih Dir mal eins aus.
    Macht total viel Spass. Du kannst die Unterstützung ja auch weg lassen und dann hast Du einen sehr viel höheren Trainingseffekt als mit einem normalen Rad.

    Viele Grüsse
    Sylvia Sommer

    1. Hallo Sylvia,

      danke für den Tipp. Da werde ich mich mal mit meinem Gewissen, der Bequemlichkeit als auch Sportlichkeit auseinandersetzen. Und nachdem der Fahrradhändler mein defektes Rad besichtigt, so gut es ging repariert hat und die Empfehlung aussprach, doch mal ein Neues zu kaufen, werde ich mich gern nun von dir überzeugen lassen.

      Deine sportlichen Empfehlungen sind immer die Besten (auch wenn ich Marathon nie in Erwägung gezogen habe)

      Ganz liebe Grüße
      und ein schönes Wochenende
      Elvira

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