Unbekanntes Gent

Stadthalle in Gent

Eigentlich wollten wir, also Thomas und ich, eine Woche im Altmühltal wandern. Doch es sollte anders kommen. Meiner Schwägerin in Frankreich versprach ich seit geraumer Zeit: „Wir besuchen dich mal.“ Mal kann irgendwann oder nie sein. Jedenfalls nichts Genaues. Und so beschlossen wir, dass Mal „jetzt gleich“ ist. Also, auf geht’s. Zuerst nach Belgien, konkret nach Gent.

Belgien, das unbekannte Nachbarland

Belgien, ein Königreich, wo die Autobahnen nachts beleuchtet sind. Belgien, das Land der ungezählten Biersorten. Über 500 soll es geben. Belgien, wo sich Feinschmecker im siebten Himmel wähnen, ein Eldorado für jeden leidenschaftlichen Esser. Belgien, wo die Fritten besonders lecker schmecken und die Pralinen zu den Besten der Welt zählen. Zwei Mal war ich dort, durchgefahren auf dem Weg nach Frankreich. Nun will ich zusammen mit Thomas dort eine Woche Urlaub verbringen.

Gent – lebhaft, kreativ, eigenwillig, verführerisch

Eine Verwandte hatte mir die Stadt empfohlen. Bestens. Die lebhafte von vielen Studenten bevölkerte Stadt liegt am Zusammenfluss von Schelde und Leie. Nach Ankunft in unserem Hotel Carlton (empfehlenswert) starten wir voller Schwung in die Stadt. Ziellos bummeln wir durch den Stadtkern und lassen die mächtigen Bauten auf uns wirken.Langsam tauchen wir ein ins Mittelalter.

Grafenburg, Galgenhaus und wer ist Belfried

Wehrhaft steht sie dort, erhebt sich düster vor dem grauem Himmel, die Burg Gravensteen. Beim Anblick der abwehrenden Mauern kriecht ein leichter Schauer über meinen Rücken und lässt mich von einem näheren Besuch zurückschrecken. Nur ein Stückchen weiter steht die „Große Fleischerhalle“. Hier sieht es viel besser aus. Eine Genter Spezialität, der Gandaschinken baumelt zum Trocknen von der Decke. Gleich nebenan die wohl älteste Kneipe Gents mit dem einladenden Namen „Het Galgenhuisje“. Was der Platz davor im Mittelalter wohl so alles gesehen hat? Meine Phantasie geht mit mir durch. Wo bin ich hier gelandet?
Gent Kraanlei Belfried

 

 

 

 

 

Erfreulich flattern die bunten Fahnen am Stadthaus im Wind. Eine Hälfte davon zeigt kühle schlichte Renaissance, die andere überbordende Gotik. Gleich gegenüber strebt der Belfried empor. Er ist das stolze Symbol der Genter Unabhängigkeit. Daran schließt sich die Lakenhalle, der Sitz der Woll-und Tuchhändler an, denen die Stadt früher ihren Reichtum zu verdanken hatte. Und mit Spitzbuben machten die kurzen Prozess. Sie sperrten sie ins Gefängnis gleich nebenan.

Der Teufel und die Moderne

In welchem düsteren Stadtkapitel bin ich nur gelandet? Das Wetter lässt ebenfalls zu Wünschen übrig. Oh nein, nicht schon wieder. Dunkel und bedrohlich türmt sich die wuchtige Burg von Gerard de Duivelstenn vor uns auf. Warum der wohl seinen teuflischen Beinamen erhalten hat und vor wem er sich in seiner Burg verschanzt hat? Nichts wie weg.

Über den Korenmarkt, hinter dessen prachtvollen Häuserfassaden sich die Filialen aller Fast Food-Ketten dieser Welt verbergen gelangen wir zur neuen Markthalle. Was ist denn das für ein ulkiges Gebäude? Ich lasse das Licht, welches durch die Dachkonstruktion aus Holz und Glas scheint, auf mich wirken. Schön ist sie, international gepriesen und sehr umstritten. Sie wirkt fehl am Platz, so klar, modern, ganz anders, aus der Zeit gefallen.

Lebendiges Kulturerbe Gent

Genug gesehen. Irgendwie sehe ich Gent heute nur von seiner grauen Seite. Wo ist die helle Seite? Und so haben wir die Sonnenseiten von Gent gesucht und gefunden – ein lebendiges, pulsierendes Kulturerbe. Den Menschen, die dort wohnen, sagt man nach, dass sie seit 1000 Jahren gegen den Strom schwimmen und ihre Rechte auf Freiheit und Unabhängigkeit verteidigen. Mancher Fürst hat sich an ihrer Halsstarrigkeit die Zähne ausgebissen. Heute begegnen sie den Gästen ihrer Stadt voller Herzlichkeit und Wärme.

Das mystische Lamm

In Gent sein, heißt auf jeden Fall das bedeutendste Kunstwerk der Stadt anzusehen: den Genter Altar mit der Anbetung des Lamm Gottes in der Sint Baafskathedraal. Gemalt von Hubert und Jan van Eyck gilt es als Hauptwerk der flämischen Malerei des 15. Jahrhunderts. Trotz der Menschenmassen, zwischen denen ich eingezwängt in dem Extraraum stehe, kann ich mich dem Zauber dieses Meisterwerkes nicht entziehen. Farben, die wie durchsichtig wirken, das Spiel von Licht und Schatten, jede Einzelne der vielen Figuren scheint lebendig, überall spürt man, dass die Maler auch auf Kleinigkeiten die größte Sorgfalt aufgewandt haben. Ich sehe den Brunnen des Lebens und wie Männer und Frauen magisch von ihm angezogen werden. Darüber sitzt Gott oder ist es Jesus (die Gelehrten streiten darüber) und ihm zur Seite Maria und Johannes der Täufer.
Ich schalte den elektronischen Erzähler aus, er nervt. Tiefe Ruhe überkommt mich. Die letzten Schatten von gestern verschwinden.

Kunstfertigkeit und Prachtentfaltung

In dieser Stimmung gehe ich durch den Kirchenraum und komme aus dem Staunen nicht heraus. Einzigartige Kunstwerke, bei deren Herstellung die Künstler über sich hinausgewachsen sein müssen. Mein Weg führt die Treppe hinunter in den Keller.

Hier sind die Reste der alten Kirche zu sehen, auf denen die imposante gotische Kathedrale errichte wurde. Dort bewundere ich die ausgestellten Roben der damaligen Kirchenfürsten. Sie schimmern blutrot, nachtblau und golden. Welch ein Prunk, welch eine Pracht, dem Volk müssen derart gewandete Männer wie Außerirdische vorgekommen sein. Daneben liegen kostbare dicke Bibeln, jedes Blatt, eigentlich jeder Buchstabe ein Kunstwerk für sich.

Gent ist voller Leben

Von der St.- Michael-Brücke genießen wir einen phantastischen Ausblick auf ehrwürdige historische Gemäuer. Dann zieht es uns hinunter ans Ufer der Leie, zum schönsten Platz in Gent. Der ist auf der Kaimauer von Graslei oder Korenlei. Dort sitzen, von der Sonne beschienen die Seele baumeln lassen und dem bunten Treiben zusehen, hebt die Stimmung. Hin und wieder bleibt der Blick an den reich verzierten Gildehäusern hängen.

Gent vom Wasser aus gesehen

Wir besteigen eines der Boote. Während wir gemächlich an Speicher und Kontoren vorbeigleiten, erfahren wir die Geschichte der Freien Schiffer, welche in Gent geboren und der Unfreien, die zugezogen waren. Die Freien durften alle Wasserwege bis zum Meer befahren, somit mehrten sie unaufhörlich ihren Reichtum, wohingegen die Unfreien auf den Innenbezirk von Gent beschränkt blieben. Der Nachteil des falschen Geburtsortes.

Gent Blick auf Graslei und Korenlei
 

 

 

 

 

Eine Zeitreise ins Mittelalter

Unser Weg führt am Alten Fischmarkt vorbei über den Neptun wacht nach Patershol, das mittelalterliche Herz von Gent. In diesem Viertel mit verschlungenen Kopfsteinpflastergassen und eng beieinanderstehenden Häuschen lebten früher die Handwerker und später die Arbeiter der Industriellen Revolution. Heute drängen sich hier jede Menge Restaurants, von Suppenküche bis piekfein. Du musst nur etwas genauer hinsehen, denn das Äußere zeigt oft nicht, was es verbirgt. Und wir hatten Glück, dass das von uns Auserwählte heute sogar geöffnet hatte. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, denn die Öffnungszeiten blieben uns bis zum letzten Tag ein Rätsel.

Vegetarier, auf nach Gent

Apropos Restaurants: Gent gilt als die Veggie-Hauptstadt Europas. Meine fleischfressende Pflanze, namens Thomas bekam den Schock seines Lebens, als der nette Herr an der Rezeption unseres Hotels ihm den Stadtplan aushändigte, auf dem neben Sehenswürdigkeiten alle vegetarischen Restaurants eingetragen waren. Seine Augen vergrößerten sich, die Kinnlade fiel herunter, vorbei die Freude auf den Urlaub. Bevor seine Verzweiflung überhand nahm, kehrten wir bei „Amadeus“ ein, direkt an der neuen Markthalle. Im Jugenstilambiente aßen wir Spareribs, so viel wie wir konnten. Und ich habe gewonnen, denn ich habe mehr geschafft.

Drei Tage sind viel zu wenig

In Gent gibt es soviel zu sehen und noch mehr zu erleben. Kunst und Kultur blieben bei unserem Zeitplan völlig außen vor.
„Unerleuchtet“ fahren wir weiter. Der Beleuchtungsplan von Gent soll spektakulär sein. In einer langen hellen Juninacht lagen wir jedoch im Bett bevor es richtig los ging.

Wir sind weitergefahren nach Brügge. Doch davon mehr nächste Woche und von geheimnisvollen Frauen, die sich Beginen nennen.

Lass uns zusammen LEBEN – LIEBEN – LACHEN
und interessante Reisen machen

Elvira

Septemberfrau 7 Inspirationen50 Jahre – mitten im Leben

Mach das Beste aus Deiner 2. Lebenshälfte und versäume in Zukunft keinen Blogartikel mehr.

Trage Deine e-mail-Adresse unten ein und hol Dir als Dankeschön mein kleines Büchlein voller Lebensfreude.

Deine Daten sind bei mir sicher. Versprochen.

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hurra! jetzt kenne ich Gent. Wollet schon mal hinfahren , an einer Stadtführung teilnehmen.
    Das kann ich mir jetzt ersparen- denn: wer könnte es besser als Elvira!!!!
    Vielleicht, weil davon nichts berichtet wurde, sollte man mal das Nachtleben erleben, beschreiben, oder für sich behalten.
    Herzlichen Dank für Deine Stadtführung – freue mich auf Deinen nächsten Bericht

    1. Hallo Christian,

      Gent wird nachts sehr schön beleuchtet nach einem genauen Plan. Leider waren wir im Juni dort mit langen hellen Nächten. Bis es dann dunkel wurde, war ich schon müde und in meinem Hotelbett. Aus dem Grund fehlt auch das Nachtleben, denn das fand hauptsächlich open air statt.

      Liebe Grüße
      Elvira

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.