Toleranz ist Dulden und sich Annähern

Ein Wort erhitzt immer wieder die Gemüter und es lässt sich vortrefflich darüber streiten. Sein Name ist Toleranz. Wird es benutzt, ist sofort klar, da geht es um mindestens zwei verschiedene Meinungen, Ansichten und Denkweisen, es geht um Grenzen, Ängste, Zweifel und Unsicherheiten. Toleranz wird oft gebraucht und auch missbraucht. Es ist ein weites Feld, auf dem sich Viele tummeln. Toleranz stellt große Ansprüche, welche die ganze Gesellschaft betreffen und bei jedem einzelnen Menschen anfängt.

Woher kommt der Begriff Toleranz?

Ihm zugrunde liegt das lateinische Wort „tolerare“. Schaut man im schlauen Pons nach der Übersetzung, wird dir das ganze Dilemma sofort klar. Dort steht als Erstes: ertragen, aushalten, erdulden. Dann folgt die Steigerung: es noch aushalten, mühsam ertragen und dann als Höchstforderung, erträglich machen. Wer will denn freiwillig so Etwas?

Ich kann zwei Positionen einnehmen.

  • Ich toleriere eine Gegebenheit, weil ich zu schwach bin, mich dagegen aufzulehnen. Oder zu bequem. Oder weil es mich nicht interessiert. Oder meinen Standpunkt nicht beeinträchtigt.
  • Ich kann auch aus einer Machtposition von oben herab gönnerhaft das Verhalten meines Gegenübers dulden, weil ich mich als die Stärkere fühle, die Überlegenere.

Neues ertragen und aushalten

Mit der Toleranz im Rucksack wandern wir auf einem schmalen Grat. Auf beiden Seiten lauern Fragen. Sie sind unbehaglich. Sie verändern und sprengen die festen Mauern, in denen ich mein Leben eingerichtet habe. Es entsteht eine Lücke in meinem Verteidigungswall aus Bequemlichkeit, Wegsehen, Schweigen und Stillhalten. Sie fordert zur Aktivität heraus, zur Auseinandersetzung mit dem Anderen oder dem, was anders ist als ich, anders denkt, handelt, redet, sich anders kleidet, einer anderen Gruppe zugehört. Toleranz verlangt von mir, gegen den Strom zu schwimmen. Nicht immer ist das eine leichte Aufgabe und es gehört oft Mut dazu.

Fremde sind Freunde

Das Erdulden regelt das menschliche Zusammensein sofern es noch keine festgeschriebenen Gesetze gibt. Gemeinschaft entsteht, wenn wir dem anderen Menschen mit Respekt und Wertschätzung begegnen, sich mit seiner Lebensweise, seinen Handlungen, Gedanken und Sitten auseinander setzen. Voraussetzung ist, dass es beide wollen und aufeinander zugehen.

Mir fällt dabei die Erzählung unseres Pfarrers ein.
Hier bei mir um die Ecke in zwei Winzdörfern wurden syrische Flüchtlinge einquartiert. „Was gehen mich die Fremden an?“ hätten sich die Dorfbewohner sagen können und in ihrer kleinen Gemeinschaft weitergelebt wie bisher. Doch sie entschieden anders. Sie boten Unterstützung an. Sie gingen auf „die Fremden, die Anderen“ zu. Nicht nur Kleidung und Gegenstände wechselten die Besitzer sondern sie sprachen mit den Menschen, boten Hilfe bei Behördengängen und Deutschkurse an, um das Einleben und den Start in diesem fremden Land zu erleichtern. Die Dorfbewohner haben die Höchstforderung erfüllt und den Fremden ihr neues Leben erträglich gemacht.

Toleranz beginnt ganz klein

Toleranz ausüben kann ich nur dort, wo Konflikte innerhalb einer Gemeinschaft sind und dabei muss es sich nicht um die großen weltpolitischen Ereignisse handeln. Es genügen Nichtigkeiten wie die zerquetschte Zahnpastatube, die verknüllten Socken in der Wäsche, die bunt gefärbten Haare der Tochter, die an Grenzen rütteln.
Meine Befindlichkeit entscheidet, wie ich in der gleichen Situation reagiere. 5 Mal toleriere ich ein Verhalten, beim 6. Mal raste ich aus, bin ich am Ende meines Geduldsfadens.

Wo fängt Toleranz an und wo hört sie auf?

Für mich ist sie beweglich. Sie verändert sich mit mir und meinen Einstellungen und Erfahrungen. Kaum glaube ich mich, mir an einem Punkt endlich zu 100% sicher zu sein, prasseln im nächsten Moment neue Ansichten auf mich ein, die sich als sinnvoller herauskristallisieren. Toleranz hat ein bisschen was von Schmierseife an sich. Sie flutscht einen aus den Fingern und wenn man nicht aufpasst, rutscht man darauf aus.

Du da draußen und ich hier drin

Voraussetzung, damit wir überhaupt tolerant sein können, sind Grenzen, wo Ich Ich sein darf und Du, Du. Sie schaffen Klarheit, verleihen einen festen Stand und Selbstvertrauen. Sie beherbergen dein für dich gültiges Wertesystem. Sie schaffen Raum zum Nachdenken und Innehalten. Sie erlauben dir, Grenzübertritte zu erkennen und nach deinem Gewissen zu handeln.

Toleranz hat viele Facetten

Mit dem Wissen um diese Grenze entsteht in der Partnerschaft eine wohlgelungene Mischung von Nähe und Distanz, die Beiden Luft zum Atmen und Wohlfühlen lässt.
Gegenüber deinen Kindern entsteht ein Gefühl der Wärme, Liebe und Geborgenheit.
In der Gesellschaft entsteht gegenseitiges Verständnis, Wertschätzung, Respekt und Miteinander.
Aus dieser Position kannst du offen sein gegenüber Anderen, Vorurteile abbauen, Neues ausprobieren und Konflikte bewältigen.

Die größte Aufgabe ist jedoch, tolerant mit dir selbst zu sein was deine Ängste, Werte, Zweifel und Schwächen angeht.

Lass uns zusammen LEBEN – LIEBEN – LACHEN
auf dem Weg zu mehr Toleranz
Elvira

Septemberfrau 7 Inspirationen50 Jahre – mitten im Leben

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3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hi Elvira,
    Ein sehr schöner Artikel zu einem wichtigen Thema. Toleranz hat für mich auch etwas mit Mut, zu sich selbst zu stehen, zu tun. Toleranz ist etwas sehr aktives und ständig im Fluß. Toleranz ist eine Haltung, die ich immer wieder überprüfe und die auch von außen immer wieder Überprüfungen unterzogen wird. Über Toleranz zu reden, ist die eine Seite und sie zu Leben die andere.
    Ich hoffe du hast viele Leser/innen und es regt viele an, wieder mal darüber nachzudenken und den eigenen Standpunkt zu überprüfen.
    Weil mir dein Artikel so gut gefällt möchte ich ihn gerne auf meinem Blog verlinken, bist du einverstanden?
    Beste Grüße
    Gila

    1. Hallo Gila,
      danke für deine sehr gute Ergänzung. Toleranz ist so vielschichtig und reicht in jeden Lebensbereich hinein.

      Ich freue mich sehr, dass du den Artikel in deinem Blog verlinken möchtest. Natürlich bin ich einverstanden, denn es ist wirklich ein wichtiges Thema.

      Liebe Grüße
      Elvira

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