In die Wüste gehen

Wüstenblume

„Da, da, dreht euch um! Da, da ist er – ein Regenbogen.“
„Was ist daran Besonderes?“ wirst du jetzt fragen. Nun, ich befinde mich in der Wüste. Und im Augenblick stehe ich inmitten zweier gewaltiger Naturschauspiele. Im Osten taucht der Regenbogen den Himmel in unwirkliches violettes Licht und im Westen verabschiedet sich die Sonne mit brennenden Wolken, die rotgolden erglühen.

Ich weiß nicht, wohin ich zuerst blicken soll. Ich bin überwältigt, ein tiefes jubelndes Glücksgefühl durchströmt mich. Verzaubert wende ich mich mal da- und mal dorthin, drehe mich mit lachendem Mund im Kreis. Meine Augen können es kaum aufnehmen, was sie sehen und mein Kopf noch weniger. Ich bin angekommen – in der Wüste. In diesem Augenblick weiß ich wie es ist, im Hier und Jetzt zu leben, Frieden mit mir selbst zu schließen.

Die Sahara ist der Garten Allahs,
aus dem er alles überflüssige,
menschliches und tierisches Leben
verbannt hat, damit es einen Ort gebe,
wo er in Frieden wandeln kann.

(arab. Sprichwort)

Regenbogen in der Wüste

Sonnenuntergang Wüste

Begonnen hat diese Reise vor ein paar Monaten mit dem Veröffentlichen meiner Wunschliste unter dem Motto „Was ich noch erleben will, bevor ich sterbe“. Gila schrieb mir daraufhin, dass sie im Oktober an einer Wüstenreise teilnehmen wird und ob ich mit will. Das ging mir nun zu schnell und ich ließ ihre Offerte eine Weile schlummern. Doch in meinem Hinterkopf rumorte mein Rumpelstilzchen: „Jetzt mach, das ist die Gelegenheit. Deine Tochter und Enkelin sind auf Weltreise und du kannst völlig frei über deine Zeit entscheiden. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Und der Quälgeist gab keine Ruhe, bis ich zum Telefon griff, die Wüstenfrau anrief, die die Reise organisiert und sofort meine Teilnahme zusagte.

In die Wüste? Du? Wo du doch keinen Sand leiden kannst. Erinnere dich an den Aufenthalt am Meer, wo du mit halber Pobacke am Strand gesessen hast, weil es keinen Stein oder Gras zum Draufsitzen gab.

In die Wüste? Du? Bist du verrückt geworden? Und dann noch mehrere Tage und zu Fuß? Die Hitze bist du nicht gewöhnt. Sie wird dich umbringen.

In die Wüste? Du? Das kannst du mir nicht antun, das ist viel zu gefährlich. Und Tränen fließen bei den Worten. Wenn du entführt wirst und dann vielleicht sogar umgebracht.

In die Wüste? Du? Allein? Ohne deinen Partner? Was sagt der denn dazu? Das kannst du doch nicht machen.

Weitere Statements erspare ich dir an dieser Stelle, doch es gab noch viele wohlmeinende Ratschläge von besorgten Menschen.

Meine Reise in die größte Wüste der Welt beginnt in Frankfurt. Wir fliegen in die Abenddämmerung hinein nach Marokko, ein Land, welches zu 80% durch Wüstenbildung gefährdet ist. Besonders im Südosten, unserem Ziel ist es karg, ausgedörrt und die Flüsse führen kein Wasser mehr. Über den Wolken geht die Sonne unter. Atemberaubend sind die Ausblicke auf ein Meer aus grauen dicken Wolkenwattebällen, deren Ränder vom Gold der Sonnenstrahlen gekrönt werden. Dazu spielt der Himmel eine Sinfonie aus den Farben Violett, Orange, Vanille und Himmelblau. Wie Scherenschnitte zeichnen sich am Horizont Felsentore, Türme und Säulen ab. Ein sehr bewegender Auftakt zu meiner Reise.

Wir übernachten in Ouarzazate. Am nächsten Morgen packe ich meine Sachen um vom Koffer in die Tasche. Nur das Allernötigste darf mit in die Wüste. Gleich am 1. Tag lerne ich Gepäck zurückzulassen. Wieviel schleppen wir täglich auf unserem Rücken durch das Leben? Ich nehme mit, was ich gerade anhabe, dazu was Warmes zum Überziehen für die Nacht plus ein Beutel mit Toilettensachen und wichtige Kleinigkeiten wie Sonnencreme, Messer, Taschenlampe, Feuerzeug, ein Schreibheft, Bleistift. Fertig. Selbst meinen Lippenstift lasse ich zurück. „Elvira ungeschminkt“ fühlt sich seltsam an.

Marokko hinter Zagora

Über kleine Dörfer führt die Fahrt ins Draa-Tal. Weite trockene Ebenen werden von Bergen eingerahmt. Erdfarben in Braun, Ocker, Sand und Terracotta geben den Ton an. Mein Blick wird einem Gebirgszug gefesselt. Seine Gesteinsschichten sind voller Schwung, es gibt keine scharfen Kanten, nichts stört die wellenförmige Anordnung. Ein Berg in Bewegung, der entlang des Flusses mit seinen Dattelpalmen dahinfließt – ein Meer aus Stein.

Draatal Marokko

Im kleinen Dorf Tizergate werden wir im Sauvage Noble von Abdellah erwartet. Durch ein Tor hindurch schreite ich in einen Traum aus 1001 Nacht. Hinter mir die karge ausgetrocknete Landschaft, vor mir ein blühender Garten voller Farben. Welch ein Kontrast.

Zum ersten Mal erlebe ich die Teezeremonie, mit der man einen Gast empfängt, die einem Geschäft vorausgeht oder einem Essen. Im Zelt gibt es Mittagessen. Bevor man es betritt, heißt es: Schuhe ausziehen. Ungewohnt, hoffentlich denke ich immer daran. Und dann ist es soweit, wir fahren in die Wüste.

Ein Stück weit begleitet uns noch der grüne Streifen der Palmenoase entlang des Draa. Die Landschaft wird immer karger. Hinter Zagora, einer Kleinstadt, die gerade ihren städtebaulichen und touristischen Aufschwung erlebt, nur noch Winzdörfer. Die Straße wird schmaler, einspurig, windet sich über einen Gebirgspass. Bei Ausweichmanövern werden Unmengen Sand aufgewirbelt. Dann warnt ein Schild „Danger – Dessert, Sie begeben sich in gefährliches Gebiet“. Am Straßenrand warten 2 Nomaden mit Dromedaren. Sie nehmen uns in Empfang. Wäre ich den 2 Herren zuhause in unserer Kleinstadt begegnet, das Mindeste wäre gewesen, die Straßenseite zu wechseln. Hier begebe ich mich vertrauensvoll für die nächsten 8 Tage in ihre Obhut. Soviel zu meinen Vorurteilen und Toleranz.

 

Marokko Gehen in der Wüste

Zum ersten Mal betrete ich die Wüste, dieses endlose Meer aus Sand. Mutig schreite ich aus, möchte gerne meiner Angst weglaufen. Nach 30 Minuten erreichen wir das Nomadenlager und werden von 2 weiteren Männern erwartet. Wir nehmen Platz im Salon vor dem Zelt, bestehend aus bunten Teppichen und zusammengelegten Kamelhaardecken als Sitz.

Mit der typischen Teezeremonie werden wir als Gäste willkommen geheißen. Wir sehen unserem Teemeister zu, wie er in Ruhe, mit Geduld, Liebe und viel Zucker dieses köstliche Getränk zubereitet, in Gläser schüttet und mit einem „Bismillah“ (im Namen Allahs/Gottes) weiterreicht. Wir nehmen es mit einem shukran (Danke) in Empfang und nach den Ruf „bisacha“ (zum Wohl) wird getrunken. 3 Gläser gibt es:

das 1.    bitter wie das Leben
das 2.    süß wie die Liebe
das 3.    sanft wie der Tod

Dieses Ritual erinnert an den Lauf des Lebens, und dass unsere Zeit auf Erden endlich ist. Grundsätzlich steht auch ein Glas mehr auf dem Tablett als Anwesende da sind, falls noch ein Gast vorbeikommt. Dann erklärt uns die Wüstenfrau einige Verhaltensregeln, damit wir nicht gleich in irgendein Fettnäpfchen treten. Der „Badeplatz“ wird bestimmt und ob man auf der Düne oder im Zelt schlafen möchte. Toilettenpapier wird verbrannt und bitte nicht in Unterwäsche vor den Herren herumlaufen.

Nun ist die Beschnupperungsrunde an der Reihe. Die 4 Tuaregs sitzen aufgereiht vor dem Zelt, wir drinnen. Sie erzählen sich untereinander was, wir erzählen uns untereinander was. Prüfende Blicke wandern unter halbgeschlossenen Lidern hin und her. Schließlich ist die neue Reisegruppe eingeordnet und abgecheckt. Die Nomaden widmen sich der Essenzubereitung. Ich übe, meinen Schesch um den Kopf zu wickeln. Es ist das wirkungsvollste nützlichste Stück Stoff, um mein Haupt vor der Sonne zu schützen. Diese blauen 3 Meter werden zu meinem unverzichtbaren Lieblingsteil.

Nach der Mahlzeit reihen sich die Tuaregs wieder auf und der Älteste hält eine Rede. Ich verstehe ihn nicht, aber seine Worte klingen freundlich. Er strahlt Würde und innere Ruhe aus. In seinen Augen sehe ich die Weisheit eines langen Lebens in der Wüste, dass sicherlich hart und entbehrungsreich war. Trotzdem blitzen sie voller Lebensfreude. Feierlich verkündet er nun unsere Wüstennamen. Es ist eine schöne Sitte. Ich habe das Gefühl, nun von der Wüste und ihren Bewohnern aufgenommen worden zu sein.

Die „kleine Exotin“ ist              Aisha, die Lebenslustige
ich, die Septemberfrau bin      M’barka, die Glückbringende
Sonja, die Wüstenfrau bleibt   Minah, wortwörtlich „Die Liebe“ aber
auch die Vertrauenswürdige

Ab jetzt werden wir von den Männern so genannt. Da muss ich mich erst daran gewöhnen. Es soll 2 Tage dauern bis ich auf den Namen reagiere.

Früh geht es ins Bett. Bis ich meinen Schlafplatz eingerichtet habe, geht einige Zeit drauf. Wohin mit Toilettenpapier, Feuerzeug, Taschenlampe für eine „Badezimmerbesuch“ bei Nacht. Wohin die warmen Sachen, falls ich sie brauche. Es soll nachts empfindlich kalt werden. Endlich krieche ich in meinen Schlafsack. Ich wurschtele hin und her, weil mir die Bewegungsfreiheit darin fehlt. Und vom Liegen auf dem harten Boden schmerzen meine Knochen schon nach 15 Minuten. Und diese ungewohnten Geräusche. Schleicht da nicht was herum und was ist das für ein Knacken? Es wird eine schlaflose Nacht.

Wie soll das werden die nächsten 8 Tage? Auf was habe ich mich da wieder eingelassen? Es wird dauern bis ich meinen Ballast abgeschüttelt habe, bis meine Verkrustungen aufgebrochen sind und der Wind meine Zweifel davonträgt. Diese Reise in die Wüste ist eine Reise zu mir selbst.

Und nun stehe ich glückselig zwischen Sonnenuntergang und Regenbogen und es war ein weiter Weg bis hierher.

Lass uns zusammen Leben – Lieben – Lachen
andere Wege gehen und verrückte Sachen machen

Deine Elvira

PS. Klick hier und du kommst zum 2. Teil meiner Reise zu mir selbst, denn es ist Advent, eine Zeit der Stille und Besinnung. Wie geschaffen für die Wüste, einer Gegend, wo alles entfernt wurde, damit der Mensch zu Ruhe und Frieden findet.

Septemberfrau 7 Inspirationen50 Jahre – mitten im Leben

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3 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,

    Wow, ich bewundere deinen Mut und deine Abenteuerlust. Und ich finde es wunderbar, dass ich die Wüste durch deinen Bericht wenigstens aus zweiter Hand erleben darf. Danke!

    Liebe Grüße
    Barbara

    1. Guten Morgen Barbara,

      das freut mich. Durch das Schreiben bin ich nochmal in die Wüste zurückgekehrt. Das war ganz wunderbar.

      Liebe Grüße nach Wien
      Elvira

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