Gehen, Ging, Gegangen – eine Buchrezension

Viele Jahre liegen vor ihm, vielleicht nur noch ein paar, so beginnt der Roman von Jenny Erpenbeck „Gehen, ging, gegangen“ und weiter: Wenn Richard, seit kurzem emeritierter Professor der Philosophie etwas hat, dann ist es Zeit. Sein Kopf ist noch nicht daran gewöhnt, denn es ist eine ganz andere Art von Zeit, die ihm jetzt zur Verfügung steht, die gefüllt werden will.

Gehen, ging, gegangen

Gegenwart, Vergangenheit, Perfekt. Zeit, die vergangen, unwiederbringlich vorbei ist. Zukunft? Sie ist unklar für die jungen Männer, die seit Wochen auf dem Oranienplatz in Berlin ihre Zelte aufgeschlagen haben, Essen und Trinken verweigern. Ihre Hautfarbe ist schwarz. Sie sprechen Englisch, Französisch, Italienisch und andere Sprachen, die hier niemand versteht, schreibt die Autorin. Wenn sie überhaupt sprechen, denn sie schweigen – über ihre Herkunft und wer sie sind. Muanana.

Arbeiten wollen sie und dürfen nicht. Dürfen vielleicht gar nicht in Deutschland bleiben. Es muss geprüft werden, ob es das Gesetz erlaubt, das eherne. Währenddessen schweigen sie und warten. Hin und wieder erhebt sich das Gesetz mit knirschenden Knochen, reißt sein Maul weit auf und lacht ein stummes, unheimliches Lachen. Und es beginnt mit seinen Zähnen zu mahlen, frisst Menschen zum Abendbrot. Jenny Erpenbeck versteht es, mit Worten Bilder zu malen, die sich in meinem Kopf festsetzen.

Gehen, ging, gegangen – Muanana

Dort auf dem Oranienplatz kreuzen sich die Wege von Richard aus dem Osten Berlins und den Männern aus Afrika, den Flüchtlingen, die niemand haben will. Und weil er Zeit hat, Zeit zum Zuhören erzählen sie ihm ihre Geschichten von der Heimat, ihren Familien und ihrem Leben bevor die Menschen kamen, die andere Menschen töteten. Einfach so, wahllos, Männer, Frauen, Kinder, Alte. Sie erzählen ihm von ihrer Flucht, den weiten Weg, den sie gegangen sind, teilweise quer durch Afrika. Wie sie sich in Libyen mühsam neue Existenzen aufbauten bevor sie auch dort gegangen wurden, unfreiwillig.

Fluchtzielhavarieeuropaschallkörper von Guillermo Galindo auf der Documenta 14.
Überreste von Glasfaser- und Holzbooten verwandelt in Musikinstrumente. Instrumente gelten in Mesoamerika als Talisman für den Wechsel zwischen den Welten

Mit Gewalt wurden sie in die Boote gesetzt. Viele starben bei der Fahrt über das Mittelmeer. Ertranken vor der rettenden Küste. Die Überlebenden waren nicht willkommen, weder in Italien, wo sie strandeten noch in Deutschland oder anderswo. Muanana.

„Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingehen soll?“
(Jenny Erpenbeck)

Richard begleitet die dunkelhäutigen Männer auf ihrer Odyssee durch verschiedene Unterkünfte. Er lädt sie zu sich nach Hause ein, hilft ihnen, den Asylsuchenden, für die Zeit keine Rolle spielt. Zeit, die dahin tröpfelt, die sie mit schlafen, warten und Deutsch lernen verbringen: gehen, ging, gegangen. Zeit, in der Verantwortliche nach Lösungen suchen, natürlich nicht nur für Berlin, für Deutschland allein, das wäre ja zu einfach sondern möglichst für ganz Europa. Zeit, in der vertröstet und auf Vorschriften verwiesen wird.

„Zeit macht etwas mit einem Menschen. Die Zeit, in der ein Mensch nicht weiß, wie sein Leben ein Leben werden kann, füllt so einen Untätigen vom Kopf bis zu den Zehen.“ (Jenny Erpenbeck)

Muanana

„Gehen, ging, gegangen“ ist ein bewegendes Buch, ein ruhiges Buch, ein Buch, welches den Leser fesselt, ihn in das Geschehen hinein zieht, ihn nicht mehr los lässt.

  • Es erzählt von Menschen, die ihren Platz in einer ihnen fremden Gesellschaft suchen.
  • Es erzählt von traumatisierten Menschen, die auf ihrer Flucht Schreckliches erlebten.
  • Es erzählt von Menschen, die zum Warten, zur Untätigkeit verurteilt sind.
  • Es erzählt ihre Geschichten aus der Heimat, die zurückgelassen wurde, irgendwo in Afrika.
  • Es erzählt von Bürokratie, einem Leben im Ruhestand, vom Alltag in Asylantenheimen, von einem Toten im See.
  • Es erzählt von Gewalt und Menschenwärme, vom weggehen und aufeinander zugehen, von Hilflosigkeit und Fürsorge, von Ablehnung und Toleranz.

Ich habe das Buch bereits vor längerer Zeit gelesen, doch es ist immer noch in meiner Erinnerung präsent. Vielleicht wegen der Sprache, vielleicht wegen des Erzählstils. Unaufgeregt berichtet es von Gräueltaten, Verzweiflung, Traurigkeit, Hoffnung, Hilfsbereitschaft, vom Guten im Menschen und der Suche nach Möglichkeiten, damit es irgendwie weitergeht.

Der Obelisk von Olu Oguibe auf der Documenta 14.
Der Künstler verarbeitet mit dem Zitat aus dem Matthäus-Evangelium seine eigenen Erfahrungen mit dem nigerianischen Bürgerkrieg

Versteckt zwischen den Zeilen lauert Fremdenfeindlichkeit, die den Geflohenen entgegenschlägt, weil ihre Haut anders gefärbt ist. Und mit jedem gelesenen Wort verbindet sich die Zeit, die im Hintergrund tickt. Es gibt kein Entrinnen. Unaufhörlich gleitet sie dahin wie ein ruhiger träger Fluss, vorbei an den wartenden Menschen, die am Ufer stehen. Verdammt zur Untätigkeit und hier nicht gewollt.

Gehen, ging, gegangen – ein Buch, das, wie ich finde, zu Recht hochgelobt wurde, vermischt es doch aktuelles Zeitgeschehen mit Poesie. Ein wichtiges Buch, dem ich gern das Prädikat besonders wertvoll, unbedingt lesen, verleihe.

„Muanana“, das Wort bedeutet in der westafrikanischen Sprache Hausa „Wir sind hier“.

Lass uns LEBEN – LIEBEN – LACHEN
mitfühlend auf Menschen zugehen
und ihnen eine Freude machen

Deine Elvira

Und wenn du die Flüchtlinge in Berlin unterstützen willst,
ist eine Spende hochwillkommen. Das geht ganz einfach unter
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Kirchenkreis Berlin Stadtmitte
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