Die Zeit rast schneller im Alter

Uhren

Letzte Woche war die Frage wieder da: „Eilt die Zeit schneller oder bin ich langsamer bei meinen Tätigkeiten?“ Gestellt wurde sie dieses Mal von einer Frau Anfang 60. Die gleiche Feststellung treffe ich mindestens 2 Mal in der Woche, eher mehr. Kaum hat der Tag begonnen, schon ist er vorbei, dabei hatte ich noch so viel vor. Liegt es daran, dass ich mir zuviel vornehme oder mir die Erledigung meiner Aufgaben nicht mehr so locker von der Hand gehen? Ist es eine Tatsache oder stimmt was mit meiner Wahrnehmung nicht.

Gern gehört: Ich habe keine Zeit

Zeit ist ein äußerst knappes Gut und neben dem Wetter sicherlich das Hauptgesprächsthema, wenn sich zwei Menschen treffen. Keine Zeit zu haben umgibt dich mit der Aura von Wichtigkeit oder ist es nur eine Ausrede, weil man keine Lust auf eine Begegnung hat. In den letzten Wochen fällt es mir extrem auf, dass Verabredungen immer schwieriger werden. Selbst zwei Paare sind nicht mehr unter einen Hut zu bekommen. Ich spreche hier von Freizeit, nicht von Arbeitszeit, dort werden wir ja für gewöhnlich fremdbestimmt ohne großen eigenen Entscheidungsspielraum. Mit der Unterschrift unter dem Arbeitsvertrag habe ich zugestimmt, meine Lebenszeit gegen Geld zu tauschen.

Zeit ist ein Statussymbol

Wir hetzen der Zeit hinterher und sie ist uns immer eine Nasenlänge voraus, rennt uns mit großen Schritten davon. Selten sind wir zufrieden mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit oder verbinden positive Gedanken mit ihr.

Du bist nur wer, wenn du einen proppenvollen Terminkalender vorweisen kannst. Zeit ist zu einem Statussymbol geworden. Undenkbar, über freie Zeit zu verfügen, das wäre gleichzusetzen mit: Du bist nicht wichtig, erfolglos, hast anscheinend keine Freunde, bist gar eine Langweilerin. Zeit zu haben ist ein Makel, der an dir haftet und dich sogar zur Außenseiterin abstempeln kann. Jede unüberlegte sofortige Zusage auf die Frage: „Wollen wir uns morgen Abend spontan mal treffen?“ verstärkt dieses Bild.

Ich weiß noch nicht, ich kann es definitiv nicht versprechen, eigentlich müsste es klappen

So hört es sich an, wenn du Jemanden einlädst. Erwarte bloß nicht, dass nach einem Blick in den Kalender ein klares Ja oder Nein erfolgt. Da weiß man noch nichts Genaues, muss erst mit dem Partner sprechen, kann vielleicht sein, muss mal sehen, . . . .

Habe ich was verpasst? Gehört es inzwischen zum „guten Ton“, sich alle Möglichkeiten offenzuhalten, denn es könnte ja noch was Besseres kommen. Da wird herumgeeiert, es werden Ausflüchte gesucht, drumherumgeredet, vertröstet, zugesagt und? Im letzten Moment wieder abgesagt, falls du Glück hast. Immer häufiger ist Nichterscheinen an der Tagesordnung, so erst wieder letztes Wochenende auf einer Sommerparty geschehen. Komisch, dass sich in Zeiten moderner Kommunikationsmittel und ständiger Erreichbarkeit dieser Trend anscheinend verstärkt.

Zeit hat man nur, wenn man sie sich nimmt.
(Karl Heinrich Waggerl, österr. Schriftsteller, 1897 – 1973)

Tausche Zeit gegen Leben

Jeder und Jede hat von dem Kostbarsten aller Güter gleich viel, egal ob du dick oder dünn, arm oder reich, jung oder alt bist. Es sind exakt 24 Stunden am Tag. Warum hat einer anscheinend mehr, der andere weniger Zeit? Tauschen wir sie falsch ein? Leiden wir besonders im Alter daran, sinnvoll mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit umzugehen? Verführerisch ist der Gedanke im Hinterstübchen: „Ich bin Rentnerin, habe soviel Zeit wie noch nie, Tag für Tag 9 Stunden mehr als früher.“ Ich glaube, dass ist der Zeitpunkt, an dem wir uns viel zu viele neue Aufgaben aufhucken. Sie geben uns das Gefühl, gebraucht zu werden und nicht auf dem Abstellgleis zu landen. Die Aussage, dass Rentner nie Zeit haben, ist sicher auf diese Tatsache zurückzuführen.

Da hat Jemand an der Uhr gedreht

Vielleicht nehme ich die Zeit nur anders wahr, denn ich glaube nicht daran, dass sich der Zeiger der Uhr schneller dreht, nur weil ich 57 bin. Immer öfter wird mir bewusst, dass ich endlich bin, bereits weit über die Hälfte meiner Lebenszeit hinter mir habe. Da gibt es manchmal einen Panikanfall, wenn ich daran denke, was ich alles noch tun, erleben oder schaffen will. Das ist der Punkt, wo ich mich selbst mit Unmengen Projekten überhäufe und alle gleichzeitig beginne. Wohin das führt, kannst du dir denken – in heillosem Durcheinander.

Diese Macke kollidiert mit dem Wunsch, mir nach Jahrzehnten im Dauerlauf mehr freie Zeit, mehr Zeit für Enkel und mir selbst zu gönnen. Noch gelingt es nicht, die Waagschalen zwischen Tun und Lassen im Gleichgewicht zu halten, noch zersplittert meine Sehnsucht an der Wirklichkeit. Noch schaffe ich es nicht, die Schnelligkeit von der Langsamkeit zu trennen, den Tag ganz bewusst zu strukturieren, konzentriert eine Aufgabe nach der anderen zu tun, konsequent Nein zu sagen. Ich arbeite daran und bin sicher, irgendwann klappt es.

Die Gefahr bei 24 Stunden frei zur Verfügung stehender Zeit ist auch, dass man sie mit Nebensächlichkeiten füllt, sich leichter ablenken lässt oder Dinge auf morgen verschiebt, denn da gibt’s erneut 24 Stunden Zeit und übermorgen wieder.

Vom Sprint auf eine langsamere Gangart umschalten

Wenn du es eilig hast, gehe langsam, sagt ein Sprichwort und völlig klar ist, dass auch kleine Schritte zum Ziel führen. Vor allem Letzteres muss ich akzeptieren. Ich darf endlich die Sieben-Meilen-Stiefel ausziehen und mich an eine langsamere Gangart gewöhnen. Ich habe jetzt die Freiheit, nur noch das zu tun, woran ich Vergnügen habe mit den Menschen, die ich mag, zu einer Zeit, die mir in den Kram passt. Vorbei mein Denken, dass es ohne meine Hilfe nirgends vorangeht, und ich mich um Alles und Jedes kümmern muss.

Die Balance zu finden zwischen Aufbruch und Einkehr, Geschwindigkeit und Muße, neuem intensiven Erleben und alten Gewohnheiten ist eine Herausforderung. Ich werde mich ihr stellen und üben, üben, üben.

Wie steht es bei dir mit dem Zeitempfinden in einem gewissen Alter? Schaffst du in der gleichen Zeit genauso viel wie früher? Schick mir doch einen Kommentar. Ich bin gespannt.

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Elvira

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4 Kommentare, sei der nächste!

  1. Die Zeit ist ja auch immer schnelllebiger geworden. Das empfinden auch junge Menschen so. Täglich strömen so viele Informationen auf uns ein, wie noch nie in unserem Leben.
    Nein, ich schaffe nicht mehr so viel wie früher. Manche Tage sind super und ich schaffe richtig was weg (bin selbstständig). An anderen Tagen merke ich die Müdigkeit von 47 Jahren Arbeit.
    Ich glaube, wir müssen dies mit zunehmendem Alter auch zulassen.

    1. Ja, das hast du Recht, doch ich erwische mich immer wieder dabei, dass mir das Zulassen schwer fällt.

      Liebe Grüße
      Elvira

  2. Mir kommt es schon lange so vor, dass die Zeit immer schneller vergeht. Ich glaube, dass das der Rhythmus unserer Gesellschaft und keine Frage des Alters ist. Interessant übrigens, dass in der Antike die Muße als Statussymbol galt.

    Liebe Grüße
    Barbara

    1. Danke für die Ergänzung, liebe Barbara und einen anderen Blickwinkel auf die schnell vergehende Zeit. Und über Muse als Statussymbol lohnt es sich, mal nachzudenken.

      Viele Grüße nach Wien
      Elvira

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