Novemberblues und Perlen der Lebensfreude

Perlen

Der November macht seinem Namen alle Ehre. Die ersten Tage sind trüb und grau hier in Nordhessen. Es ist der Monat des Rückzugs, der Einkehr, der Stille, des Todes. Über unser Gemüt legt sich eine dicke graue Decke. Unsere Energien sind auf der Flucht. Die Gedanken wabern träge durch den Kopf. Das Sofa ist unser liebstes Möbel. Bevor dich der Novemberblues völlig im Griff hat, gibt es heute ein paar Perlen der Lebensfreude.

Die Entstehung einer Perle

Sie entstehen aus der Verletzung einer Muschel und deren Heilung. Auf unserem Lebensweg wurden wir oft verletzt, haben Narben wo sie keiner sieht. Sie sind gut verschlossen in unserem Inneren verborgen. Manche Ereignisse jedoch brechen unsere äußere Schale auf und rütteln an den festgebauten Mauern und Strukturen. Mitten in der Krise, im Chaos, im Sterben gibt die Muschel ihr Wunder frei: eine Perle, ihr kostbarer innerer Schatz.

Die großen Perlen des Lebens

Eine jede ist Zeugin eines Ereignisses, welches dein Leben mehr oder weniger auf den Kopf gestellt hat. Mit steigenden Lebensjahren haben sie sich zu einer Kette aneinander gereiht. Jede hat dich zum Innehalten, Nachdenken und neu Ausrichten gezwungen. Sie erinnern dich an Zeiten der Wandlung und Veränderung. Es sind meist tiefgreifende Einschnitte im Leben, wo Entscheidungen getroffen und die Weichen neu gestellt werden müssen. Du weißt nie, wann du eine dieser großen Perlen findest.

Die kleinen Perlen der Lebensfreude

In der Krise, im Tal der Tränen, der Trauer und der ewigen Frage nach dem Warum, habe ich meine kleinen Perlen der Lebensfreude gefunden. Sie sind nicht das Wundermittel, welches alle Verletzungen sofort heilt. Ihre Wirkung entfaltet sich bei ständiger Anwendung, wenn du sie in dein Leben einbaust und ihnen einen festen Platz gibst.

Eine Perle für jedes Jahr

Wenn du sie suchst, lassen sie sich finden. Hier ist meine persönliche Sammlung der letzten 5 Jahre.

2010 – Theater spielen
Nach über 10 Jahren Pause kurz vor dem Ausbruch der Krankheit meines Mannes habe ich wieder damit begonnen. Wie gut und richtig. Wir probten ein Lustspiel, etwas Seltenes in unserer Laienspieltruppe. Was als purer Spaß begann, wurde für mich Ablenkung in der Krise und letztendlich Trost sowie ein Teil des Heilungsprozesses. Die Premiere erlebte mein Mann leider nicht mehr. Meine Mitspieler und dieses Hobby haben mich getragen und mir mein Lachen erhalten. Seitdem steht (fast) jeden Mittwoch Abend „Theater spielen“ auf dem Programm.

2011 – Qigong
Ausgelöst durch ein Jahr Daueranspannung, der Gratwanderung zwischen Hoffen und Bangen, Verdrängen und Wissen brauchte ich dringend Etwas, dass nicht nur meinem Körper sondern noch mehr dem Geist und der Seele half. Eine DVD „Die Acht Brokate“ aus der Klinik am Steigerwald veranlasste mich, einfach mal mit Qigong anzufangen. Ich habe es bis heute beibehalten. Es belebt meinen Lebensfluss, schenkt mir Konzentration, Erdung und Achtsamkeit. Es ist der perfekte Start in jeden Tag.

2012 – Lesen
Meine absolute Lieblingsbeschäftigung verlor ich über Jahre aus den Augen. Das fiel mir schlagartig in der ersten Zeit des Alleinseins (nicht einsam!) auf, als ich mich immer öfter abends vor dem Fernsehen wieder fand. Diese Kiste hatte es echt geschafft mich zu unterhalten oder wie das Wort sagt, mich unten zu halten. Kopf ausschalten, konsumieren, fertig. Gut, manchmal braucht man das.
Zum Glück habe ich das Hirn rechtzeitig wieder eingeschaltet und nun stapelt sich das Lesefutter überall. Es bevölkert Regale, Tische und den Boden, wird gekauft oder in der Bücherei geliehen. Es schmiegt sich in Papierform in meine Hand oder begleitet mich auf dem Kindle gespeichert auf Reisen. Ein Buch ist Kopfkino vom Feinsten, Eintauchen in die Welt der Vorstellungskraft, Aufruhr der Gefühle und Teilhabe am Erfahrungsschatz anderer Menschen. Das richtige Buch zur richtigen Zeit hilft aus mancher unschönen Lebenslage.

2013 – Reisen
Als Kind war ich immer mit dem Finger im Atlas unterwegs, als 15jährige habe ich Winnetou und Old Shatterhand begleitet. Es folgten viele Jahre Familienurlaub (wunderschön, nicht ganz abwechslungsreich) und als 50jährige war endlich Zeit, die Welt zu erobern. Doch weil Leben das ist, was geschieht während du Pläne schmiedest, wurde daraus nichts.
Die Reiseperle jedoch wollte ich unbedingt haben und so folgten die ersten unsicheren Schritte als „Alleinreisende“. Inzwischen sind Reisen ein fester Jahresbestandteil. Mal finde ich mich in einer bunt gemischten Gruppe wieder, mal mit Partner, in Familie oder mit mir selbst. Egal ob fern oder nah, überall gibt es interessante Entdeckungen. In 2013 war es die Langsamkeit beim Pilgern. Seither hat mich das Gehen völlig in den Bann gezogen.

2014 – Kino und Theater
Jemand anders sein und sich in dieser Rolle austoben können bereichert mein Leben als Laienschauspielerin. Genauso gern gehe ich ins Theater oder Kino und das kommt bisher definitiv zu kurz. Während es mit den Kinogängen ganz gut funktionierte, wäre die Sache mit dem Theater fast unter den Tisch gefallen. Spontanität und ausgebuchte Vorstellungen passen einfach nicht zusammen. Ein Plan musste her und nun heißt es 1 x im Monat: Vorhang auf.
Am Sonntag ist es wieder soweit und da ich an der Reihe mit Aussuchen war, gehen wir in eine Tanzvorstellung. Aus dem leicht gequälten Gesichtsausdruck meines Partners lese ich pure Begeisterung. Bin gespannt, was er sich für Dezember ausguckt. Überraschung.

Inzwischen klappt es sehr gut. Abwechselnd suchen wir uns Leckerbissen aus, mal Drama, mal Komödie, mal Tanz, mal Ausschnitte aus Probenarbeiten. Wundervoll inspirierend.

Die Suche nach der Perle 2015

Jedes Jahr gehe ich wieder auf die Suche. Welche Perle ist die Richtige für das Jahr 2015. Es darf immer nur eine sein. Eine schwere Auswahl bei der Vielzahl, die vor mir ausgebreitet liegt. Am liebsten hätte ich gerne alle auf einmal. Warum hat so ein Tag nur 24 Stunden? Da ist Beschränkung doch vorprogrammiert. Was nützt mir eine Perle der Lebensfreude, wenn ich es nicht schaffe, sie in den Tagesablauf zu integrieren? Na ja, ich habe noch ein paar Wochen Zeit. Ich melde euch, worauf die Wahl gefallen ist.

2015 – Bewegung: Gehen
Beim Pilgern, bei Wanderungen, bei Spaziergängen merkte ich wie gut es meinen Gelenken tat. Nur zwischen punktueller und regelmäßiger Bewegung liegt ein himmelweiter Unterschied. Zeitweise klappte es sehr gut, z.B. als Training für meine Rolle als Puck im „Sommernachtstraum“ dann wieder Ebbe. Das Gehen in der Wüste hat mir wieder gezeigt, wie gut es meiner Gesundheit tut. Nach dem Motto „Mühselig ernährt sich das Eichhörnchen“ laufe ich nun täglich 20 Minuten am Feldweg hinter dem Haus entlang.

2016 – Musik und Klang
Musik streichelt meine Seele, rührt mich zu Tränen, lässt mich durch die Wohnung tanzen, hilft mir aus Traurigkeit heraus und bringt Fröhlichkeit in mein Herz. Und das Musik mir soviel bedeutet, hatte ich verdrängt bis es mir die abendlichen Facebook-Posts von Dr. Beate Forsbach wieder ins Bewusstsein brachten. Ich habe mit beiden Händen zugegriffen und wusste sofort, dass es meine neue Perle der Lebensfreude wird. Und als sie begann, Klavierstunden in Lübeck zu nehmen, habe ich mich spontan am 17. Dezember zum Klavierspielen lernen angemeldet. (Ich schreibe gerade mit verknoteten Fingern.) Am Neujahrstag waren Thomas und ich im Konzert und noch drei Tage später schwebte ich im Walzertakt durch das neu begonnene Jahr 2016.

Wie ist es bei dir? Was hilft dir, schwierige Zeiten zu überstehen? Welche Gewohnheit ist Bestandteil deines Lebens, hilft dir aus traurigen Situationen und schenkt dir Lebensfreude? Schenke dir Perlen der Lebensfreude, wenn es dir gut geht, damit sie dich tragen, wenn es mal nicht so läuft. Wofür könntest du dich begeistern?

Lass uns zusammen LEBEN – LIEBEN – LACHEN
und lauter bunte Sachen machen

Elvira

PS: Gerade kommt die erste Anmerkung. Wie dieser Artikel zu den bunten Sachen passt, er wäre doch eher in Grautöne getaucht, perfekt für das November-Feeling. Das stimmt, doch ohne Traurigkeit kein Lachen, und wenn dunkle Schatten auf unser Leben fallen, wissen wir das Licht und die Freude mehr zu schätzen. Das Leben braucht beide Seiten.

Septemberfrau 7 Inspirationen50 Jahre – mitten im Leben

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12 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,
    danke für diesen schönen Beitrag. Ja, auch grau – für mich eher bunt und schön, wie das Herbstlaub in unserem Pfarrgarten.
    Deine Idee mit nur einer Perle ist toll für mich als Scanner.
    … und ich kenne meine Perle schon. PFERDE bzw. ein Pferd
    Mein Traum ist es Pferde als Co-Coach einzusetzen, damit das kein Traum bleibt, gehe ich jetzt auf die Suche nach einer Pferde-Beteiligung. DANKE für diesen tollen Impuls!!
    Ich wünsche Dir eine wundervolle Tanzvorstellung und einen fund-reichen November.
    Herzliche Grüße aus der Pellenz und noch einmal DANKE für Deinen so authentischen Input, der mir wirklich gut tut

    Martina

    1. Hallo Martina,
      ein Pferd als Co-Coach, welch eine fabelhafte Idee, welch eine herrlich glänzende Perle für das neue Jahr. Und nur die eine, damit du dich darauf konzentrieren kannst. Möglich, dass du dafür etwas Anderes loslassen musst, doch es lohnt sich immer.
      Ich wünsche dir viel Freude an dieser Perle.

      Ganz liebe Grüße
      mit strahlendem Sonnenschein gegen Novembergrau
      Elvira

  2. Liebe Elvira,

    Ich habe auch ein paar Perlen. Vorne vorweg das Schreiben, diese Perle bekommt 2015 einen ganz besonderen Stellenwert, wenn ich meinen zweiten Blog starte.

    Lesen, Perle Nummer 2, bekam bei mir nicht durchs Fernsehen (ich schaue kaum Fern), sondern durchs Schreiben Konkurrenz. Früher las ich ein Buch pro Woche, jetzt eines pro Monat. Ist aber in Ordnung so. Und unter diesen Leseperlen befindet sich der Star, der Perlen, die ganz seltene, besonders schöne: Schiller lesen! Schiller-Texte sprechen mich in jeder Lebenslage an!

    Die Perlen, die momentan ein bisschen zurückstehen, aber nicht vergessen sind: Kino und Musicals.

    Dafür habe ich eine neue Perle entdeckt, oder eigentlich wiederentdeckt: Ich höre Musik. Und endlich habe ich meinen eigenen Musikgeschmack herausgefunden, und so klingt der Tag fast immer mit jazzigen Songs aus.

    Alles Liebe
    Barbara

    1. Liebe Barbara,
      denke ich an unser Treffen in Wien zurück, bin ich sicher, dass du deine Perle für 2015 gefunden hast. Schreiben tauchte in deinen Erzählungen mindestens alle 10 Minuten auf. Hau in die Tasten, dass sie glühen, denn ich werde immer neugieriger auf deinen nächsten Blog.
      Ja und irgendwann hast du mich soweit, dass ich mir mal diesen „Herrn Schiller“ genauer ansehe.

      Liebe Sonnengrüße
      und viel Freude an der neu entdeckten Musik
      Elvira

  3. Liebe Elvira,
    Ein sehr schöner, berührender Artikel, danke. Ich habe dieses Jahr eine ganze Perlenkette gesammelt bei meinem Aufenthalt in Laos. Du hast recht, es macht Sinn innezuhalten und über die Perlen nachzudenken. Es finden sich immer welche oder wir können endlich anfangen sie zu entdecken.
    Beste Grüße
    Gila

    1. Liebe Gila,

      ich wünsche dir, dass du, wieder zurück in Deutschland, auch hier Perlen für eine neue Kette entdeckst.

      Liebe Grüsse und einen guten Neustart
      Elvira

  4. Ich weiß, das ist jetzt nicht direkt das Thema, aber entstehen Perlen wirklich durch Verletzungen der Muschel? Das finde ich echt faszinierend.

    Bei deinen ganz persönlichen Perlen bekam ich eine Gänsehaut. Vor allem deine Perle des Theaterspielens hat mich berührt.

    Für mich sind Bloggen und Lesen meine Perlen. Jahrelang habe ich nur Ratgeber und Fachliteratur gelesen. Vor kurzem habe ich mich wieder den Romanen zugewandt, die für mich lange Zeit wie Zeitverschwendung vorkamen.

    Liebe Grüße
    Sibilla

    1. Liebe Sibilla,

      Ratgeber und Fachliteratur ist sicher wichtig und daraus lernt man viel. Wissen, dass du durch deine Bloggenperle weitergeben kannst. Doch für das Herz und die Seele ist das wichtiger, was du als Zeitverschwendung betrachtest. Um dich gut zu fühlen, brauchst du beides.
      Romane behandeln die stärksten Gefühle, die uns Menschen zu eigen sind: Liebe, Macht/Neid/Eifersucht und Versöhnung. Bester Lernstoff zur Krisenbewältigung.

      Liebe Grüsse
      und wundervolle Momente Zeitverschwendung
      Elvira

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