Dein Mitleid will ich nicht

Erfurter Dom

Behalte es für dich, ich will es nicht. Mitleid bekommst du geschenkt, Neid muss du dir erarbeiten, lautet die Auskunft eines mir unbekannten Verfassers. Hier werden eine Todsünde und eine Kardinaltugend gegenüber gestellt. Mitleid, das Geschenk eines Menschen für einen Menschen, ein Hilfsangebot. Und was geschieht damit? Es wird abgewehrt, der Beschenkte möchte es nicht, lehnt es ab, gibt es dir mit Worten zurück oder macht dir klar, dass dein Geschenk ein völliger Fehlgriff war. Mitleid, ein Wort mit schlechtem Klang.

Mitleid, mir graust vor dir

Mitleid lässt den Beschenkten ärmlich aussehen, schwach, seiner eigenen Kraft beraubt. Wer will das schon? Mitleid erzeugt Scham beim Beschenkten, lässt seine Selbstwertgefühle ins Bodenlose fallen, macht ihm seine Hilflosigkeit bewusst, siedelt ihn am unteren Ende an in der Skala der für die Gesellschaft nützlichen Personen. Warum? Weil uns vom Umfeld und den Medien vorgaukelt wird, dass nur der etwas taugt, der etwas leistet. Da werden uns strahlende Menschen gezeigt voller Tatendrang. Menschen, die Dinge mit Links geregelt bekommen, die voller Saft und Kraft auf der Überholspur des Lebens dahin eilen. Und falls wir nicht dazu gehören? Na, dann sollten wir es gefälligst vortäuschen. Maske aufsetzen, Verkleidung anziehen und sich als Gewinner dem Publikum präsentieren. Bloß kein Mitleid erwecken.

Lieber das ganze Leid alleine ertragen

An welcher Stelle im Leben kommt uns die Annahme des Geschenks Mitleid abhanden. Kinder reagieren da ganz anders. Sie fordern das Mitleid des Erwachsenen geradezu ein. Sie wissen, dass der Satz „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ der Wahrheit entspricht und demzufolge handeln sie. Beim kleinsten Kratzer wird laut geheult, nicht weil es wahnsinnig weh tut, sondern um Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu erregen. Kinder möchten, dass ihnen eine erwachsene Person zur Hilfe eilt. Äußerlich wird die Wunde versorgt, ein Pflaster drauf geklebt. Manchmal reicht es, tüchtig auf die schmerzende Stelle zu pusten. Die inneren Wunden werden verarztet durch eine Umarmung, Streicheleinheiten, tröstende Worte oder dem Summen eines Liedes. So behandelt verschwindet das Leid. Was selbst bei Kindern überhaupt nicht ankommt, sind besserwisserische Ratschläge.

Mitleid setzt Einfühlungsvermögen voraus

Mitleid mit einer anderen Person zu haben, setzt voraus, dass wir uns in sie hineinfühlen können, sie uns sympathisch ist, sie unserem Herzen nahe steht, wir uns mit ihr identifizieren können. Bedingungen für Mitleid sind Nächstenliebe, Emotionen und Hilfsbereitschaft. Das sind auch die Gründe, aus denen unser Mitleid ausgenutzt werden kann mit dem Resultat, dass wir uns betrogen und missbraucht fühlen. Unser Mitleid sollte also eine gute Mischung aus Gefühl und Vernunft sein.

Mitleid ist die höchste Form der Liebe, vielleicht sogar die Liebe selbst (Heinrich Heine)

Behalte dein Mitleid für dich, ich will es nicht

Warum wird das Mitleidsgeschenk nicht angenommen? Aus Furcht, dass der Geber nicht uneigennützig handelt und ewige Dankbarkeit für seine gute Tat erwartet? Aus dem Wissen, dass der Mitleidende sich niemals in unseren Schmerz, unser Leid einfühlen kann, selbst wenn er es aus eigener Erfahrung kennt? Aus der Erkenntnis, dass Mitleid automatisch eine ganze Wagenladung guter Ratschläge hinter sich herzieht. Jeder, der mal in einer misslichen Lage steckte, kennt diese Sätze: „An deiner Stelle würde ich dieses und jenes tun“. „Hättest du besser aufgepasst, dann wäre dir das nicht passiert“. „Probiere das mal aus, das hat mir prima geholfen.“ Die Liste lässt sich endlos fortsetzen. Tu dies, mach das, dann wird es dir besser gehen.

Verflixt noch einmal, woher will der Ratgeber das wissen? Er trägt nur zur Verwirrung bei. Und warum mischt er sich ungefragt ein? Es wird ihm kaum gelingen. Selbst mit der besten Einfühlungskraft kann er sich nicht exakt in die Lage, die Gefühle und Gedanken des Leidtragenden hineinversetzen. Es ist unmöglich, denn ER ist ER und ICH bin ICH. Er soll sein Mitleid für sich behalten.

Seht alle her wie mitleidig ich bin, wie hilfsbereit

Oft wird das gespendete Mitleid und die helfende Hand sogar öffentlich kundgetan, damit ein jeglicher von der Fürsorge erfährt und darüber informiert ist, dass ich ein „guter Mensch“ bin. Dadurch steigere ich mein eigenes Selbstwertgefühl ganz enorm. Und das fühlt sich gut an für mich. Beim Beschenkten ist eher das Gegenteil der Fall.

Mitleid hat stille Töne

Mitleid braucht keine Worte, keine großen Gesten, beides stört oft nur. Deine Anwesenheit und deine Gefühle drückst du aus durch Berührungen, durch Aufmerksamkeit, durch Zuhören. Und wenn der Leidende sich in deiner Nähe geborgen fühlt und die Zeit gekommen ist, dann wird er dich um Rat fragen. Dann sei für ihn da und hilf ihm.

Wie kannst du mitleiden?

  1. Halte einem Kranken den Rücken frei, wenn er um seine Gesundheit kämpft.
  2. Sei da, wenn der Leidtragende um deine persönliche Unterstützung bittet.
  3. Wenn du von dem Hilfsbedürftigen um Rat gebeten wirst, dann mache Angebote, aus denen er auswählen kann.
  4. Bevormunde nicht und lass ihm seine Entscheidungsfreiheit.
  5. Zeige Wege voller Hoffnung auf, wenn man dich darum bittet.
  6. Schenke Lachen und Freude.
  7. Erfülle Wünsche, soweit es dir möglich ist.
  8. Bleib mit dem Leidenden fest in der Gegenwart verankert. Lass die Vergangenheit ruhen und kümmere dich nicht um das Morgen. Nur das Hier und Jetzt ist wichtig.
  9. Schweige und halte seine Hand.

Mitleid hat viele Facetten. Mitleid, richtig eingesetzt ist ein wertvolles Geschenk und darf, soll, muss, will mit Freude angenommen werden.

Was empfindest du bei dem Wort Mitleid? Ich muss gestehen, dass ich diesem Wert, dieser Tugend sehr ambivalent gegenüber stehe. Sie ist eine der schwierigsten Übungen im Miteinander. Das richtige Maß an Mitleid zu finden ist eine hohe Kunst, denn du musst dem anderen Menschen seine Würde lassen,  musst ihm auf gleicher Augenhöhe begegnen und dein Angebot zur Hilfe darf nicht vom Stärkeren an den Schwächeren gerichtet sein.

Schick mir einen Kommentar, vielleicht hast du noch ein paar Verhaltenstipps zu meiner Aufzählung. Danke.

Lass uns zusammen LEBEN – LIEBEN – LACHEN
und voller Mitgefühl
die Welt zu einem besseren Ort machen

Deine Elvira

Septemberfrau 7 Inspirationen50 Jahre – mitten im Leben

Mach das Beste aus Deiner 2. Lebenshälfte und versäume in Zukunft keinen Blogartikel mehr.

Trage Deine e-mail-Adresse unten ein und hol Dir als Dankeschön mein kleines Büchlein voller Lebensfreude.

Deine Daten sind bei mir sicher. Versprochen.

2 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,

    Ich habe mit Mitleid auch mein Problem, weil es eine Frage der Perspektive ist. Meinem Empfinden nach erhöht sich der Mitleidende selbst, er macht sich zum Gutmenschen. Er sieht das Leid des anderen durch seine eigenen Augen, also geht es letztlich nicht um den Leidenden sondern wieder um ihn.

    Viel besser gefällt mir, wenn jemand Mitgefühl hat, das bemühe ich mich zu geben und ich nehme es auch an wie ein Schwamm das Wasser. Beim Mitgefühl steht der Leidende im Fokus.

    Und Mitgefühl finde ich eine tolle Sache!

    Liebe Grüße
    Barbara

    1. Liebe Barbara,

      danke für deine Betrachtungsweise, wobei ich dir Recht gebe, dass es sich besser anfühlt, Mitgefühl zu erhalten. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es im Artikel Mitleid oder Mitgefühl heißen soll. Letztendlich bin ich auf keine Lösung gestoßen, denn immer dreht es sich dabei um die Konstellation Schwäche zu Stärke.

      Am Schluss habe ich mich für „Mitleid“ entschieden, nachdem ich in meinen Unterlagen die Notiz fand, dass Mitgefühl plus Vernunft zu Mitleid führt. Die Vernunft verhindert, dass ein Leidender unser Mitgefühl ausnutzt.

      Wir könnten, wie auch die großen Philosophen es seit Jahrhunderten tun, ewig über den Begriff debattieren.
      Schön, dass Mitgefühl eine tolle Sache für dich ist, die du aufsaugst wie ein Schwamm.

      Ganz liebe Grüße
      Elvira

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.