Das seltsame Verhalten einer Nordhessin auf der Kloster-Garten-Route

Hier liege ich nun im kühlen Wiesengrunde. Doch dann kommt Wind auf und ich ziehe es vor, doch wieder auf mein altersschwaches Radel zu steigen. Die Kloster-Garten-Route und mit Sicherheit ein weiterer Berg warten darauf, von mir bezwungen zu werden.

Nicht Denken, nur Tun

Mit meiner kaputten Gangschaltung habe ich keine Chance, die Steigungen zu bewältigen, also schiebe ich meistens. Thomas hat sich wegen der „geteiltes Leid ist halbes Leid“-Theorie mir angepasst. Wenn man schon überhaupt nicht mehr kann, also konditionsmäßig total am Ende ist, kommt bei mir so eine „Nicht-Denken-nur-Tun-und-das-Beste-daraus-machen“ Haltung auf. Dann wird es höchste Zeit, dass Thomas sich von mir fern hält, denn das kann idiotische Ausmaße annehmen.

Denke positiv bekommt beim Radfahren eine völlig neue Dimension

Man soll möglichst alles positiv sehen, also beginne ich damit, die schöne Natur zu loben. Erst einmal danke ich dem schönen kühlen Wiesengrunde, dass er mich aufgenommen hat. Thomas Augen weiten sich. Dann wird es Zeit, die mich umgebende wunderbare Natur zu loben. Als ich von den herrlichen Wolkenformationen schwärme, ernte ich die Bemerkung: „Beeil dich, es regnet gleich.“ Jetzt ist meine gute Laune fast verdorben. Dann rede ich eben ein paar Worte mit den Schmetterlingen und Hummeln, die eifrig von Blüte zu Blüte schwirren. Leider haben sie keine Zeit für ein Gespräch, denn sie widmen sich voller Konzentration ihrer Aufgabe: Nektar sammeln. Versuche ich es eben bei den Kühen. Vielleicht sind die redseliger.

Versuch der Verständigung mit einer Kuh

Noch bevor ich ein Wort geäußert habe, verdreht Thomas die Augen und sucht flotten Schrittes das Weite. „Muh“, rufe ich den wiederkäuenden Kühen zu. Keine Antwort, also nochmal in anderer Tonlage „Muuuuh.“ Wieder keine Reaktion. Nicht aufgeben, vielleicht haben sie Probleme und möchten aufgemuntert werden: „Na? Du bist ja eine hübsche Kuh. Warum hast du denn nur ein Horn. Wo ist denn das Andere, hä?“ Immer noch keine Reaktion. Thomas vergewissert sich mit einem entsetzten Blick, ob wir allein sind. Das sind aber auch sture Kühe. Neues Konzept. „Ihr habt sehr gutes Futter hier, leckeres grünes Gras und dürft auf einer Wiese herumlaufen. Solch ein Glück haben nur ganz wenige Kühe auf der Welt. Da geht es euch bestimmt richtig gut, hä?“ Glotzen ist die Antwort. Ich verabschiede mich freundlich.

Kloster-Garten-Route: Pilgern auf zwei Reifen

Diese Aussage hatte ich wegen der überaus kurzen Vorbereitungszeit glatt überlesen. Pilgern, da klingeln alle Warnglocken in mir, denn ich weiß aufgrund eigener Erfahrung, dass sich hinter jedem Berg ein noch Höherer versteckt, denn Pilgern hat auch was mit Büßen zu tun. Und so strampele ich oder schiebe mein lädiertes Fahrrad bergauf- und ab bis wir „Die Hegge“, natürlich auf einer Anhöhe gelegen, erreichen. Die große Parklandschaft lädt zum mentalen Endschleunigen ein und an sieben Stationen kann man mit der Natur und Schöpfung in den Dialog treten. Ein kraftspendender Ort, genau der Richtige für mich.

„Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (1. Mose 1,31)

Neue Wege gehen

Neue Wege gehen

Und siehe, alles wird leicht

Die Route führt ein Stück am Flüsschen Nethe entlang. In Fölsen bewundern wir die Blumenbilder, welche das Dorf zu Fronleichnam schmücken. Eine letzte Steigung liegt vor uns. Völlig ausgepumpt und erschöpft erreiche ich das Schloss, Gehrden. Nach einem mächtigen Stück Kuchen und einem Drink in der Abendsonne speisen wir unter dem Kreuzganggewölbe des ehemaligen Benediktinerinnenklosters. Über die knarrende Holztreppe entschwebe ich nach oben in unser riesengroßes Zimmer. Gut, ich gestehe, es handelt sich mehr um ein Kriechen.

Blumenbilder zu Fronleichnam in Fölsen

Blumenbilder zu Fronleichnam in Fölsen

Schloss Gehrden

Schloss Gehrden

Die Welt ist herrlich

Die Sonne kitzelt meine Nase. Erster vorsichtiger Blick nach unten. Ja, mein Körper ist noch da. Erste vorsichtige Bewegung. Oh, es schmerzt fürchterlich. Es gibt ein sehr leckeres Frühstück und Thomas tröstet mich nach einem Blick auf die Höhenkarte: „Heute gibt’s nur ebenes Gelände.“
Wir radeln durch die Flußauen, das Gras steht hoch, Insekten brummen, Vögel zwitschern, die Sonne scheint, fröhlich scheppert mein Rad bei jeder Umdrehung der Pedale und dazu beherrsche ich den 2. Gang in allen Variationen hoch und runter. Was soll’s. Die Welt ist herrlich.

Links und rechts der Kloster-Garten-Route

In Rheder begutachte ich eingehen den Weidenpalais und studiere den dazugehörigen Weiden-Lehrpfad aufs Genaueste, während Thomas längst auf einem Liegestuhl ruht. Nach dem Schloß mit Barockgarten biegen wir links ab. Bärlauchduft umfängt uns.

30 m Durchmesser hat der Weidenpalais

30 m Durchmesser hat der Weidenpalais

Den Ort Brakel lassen wir links liegen. Ein Fehler. Meine Trinkflasche ist längst leer als wir den Lebensgarten in Amelunxen erreichen. Im Dorf zeugen nur noch Werbeschilder von der einstigen Anwesenheit eines Ladens oder Gaststätte. Kein Trinken, kein Essen. Nichts, nur der schön angelegte Garten der ev. Kirchengemeinde. Dann laben wir uns eben an den Bibelworten.

„Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ (Psalm 91,11)

Ein Engel wacht über den Lebensgarten Amelunxen

Ein Engel wacht über den Lebensgarten Amelunxen

Hier sollte eigentlich unser Hotel sein. Denkste!

Und das tun sie auch. Wo die Nethe in die Weser fließt, wird der Radweg belebter. Wir erreichen Höxter, schlendern durch die Innenstadt, wo sich quadratisch praktische Gebilde mit kunstvoll verzierten Fachwerkhäusern mischen.

Schöne Fachwerkhäuser in Höxter

Schöne Fachwerkhäuser in Höxter

Nach dem Überqueren der Weser radeln wir nach Boffzen, wo unsere Unterkunft liegen soll. Betonung liegt auf den letzten beiden Worten „liegen soll“, denn da ist nichts. Das kleine technische Gerät hilft wieder aus der Misere, denn ein Blick auf die Karte zeigt, wir müssen die gesamte Strecke und mehr wieder zurück. Kein Problem, da alles plattes Land ist bis . . . 300 m vor dem Ziel der Weg in einen Wald mündet, genauer Wald am steilen Berg. Mühselig schieben wir die Räder den schmalen (Mountainbike geeigneten) Trampelpfad hoch, rutschen, stolpern und erobern so Meter für Meter. Wer hat eigentlich ein Hotel oben auf dem Berg ausgesucht? Ich.

Von Goldfingern, goldenen Dächern und einem goldenem Fluss

Und der Ausblick rechtfertigt alle Strapazen. Wir sitzen auf der Terrasse des „Landhaus Steinkrug“ und schwelgen in dem Naturschauspiel, welches uns geboten wird. Durch eine Öffnung des grau bedeckten Himmels beleuchtet die Sonne immer neue Regionen des Berglandes. Mit langen glühenden Fingern greift sie sich einzelne markante Gebäude Höxters und schickt ihre Strahlen dorthin. Und dann die Krönung, ihre Meisterleistung. Sie taucht das Wasser der unter uns liegenden Weserschleife in flüssiges Gold, so dass sie schimmert und aufglüht wie glänzendes Metall. Andächtig sitzen wir und bestaunen dieses Wunderwerk.

„Und Gott legte einen Garten an in Eden“ (1. Mose 2,8)

Weltkulturerbe Schloss Corvey

Ohne Anstrengung erreichen wir am nächsten Morgen das Weltkulturerbe Schloss/Kloster Corvey. Seit dem 9. Jahrhundert erhebt sich dieses einzige fast vollständig erhaltene Karolingische Westwerk der Welt am Ufer der Weser vor den Toren Höxters. Ich bestaune die barocke Abteilkirche mit ihrer wunderschönen Orgel, die leider reparaturbedürftig ist und deren Erhalt 1 Mio. € kosten soll.

Erhaben liegt Schloss Corvey an einem Weserbogen

Erhaben liegt Schloss Corvey an einem Weserbogen

Auf dem dazugehörigen Friedhof, auf dem der Dichter des Deutschlandliedes Hoffmann von Fallersleben liegt, fallen mir die Grabstein-Inschriften aus dem 19. Jahrhundert auf: R I P steht auf vielen. Das Akronym aus dem Lateinischen steht für „requiescat in pace“, auf deutsch „Ruhe in Frieden“. Inzwischen erfährt die englische Abwandlung „rest in peace“ einen sintflutartigen Einsatz in den Sozialen Netzwerken.

Blick auf den Altar in der Abteikirche

Blick auf den Altar in der Abteikirche

Im Schloss zieht mich die Sonderausstellung Hussong mit Holzpostkarten in ihren Bann. Was Künstler aus einem einfachen Holzklotz gestalten, ist beeindruckend. Hunderte kreativer Ideen angefangen beim Bemalen, Bearbeiten über Zufügen bis zum 5jährigen Vergraben mit dem Führen eines Tagebuchs – alles ist dabei.

Der prächtige Kaisersaal ist vorbereitet für ein Konzert am nächsten Tag, schade, da sind wir weg. Ein Geschichtskurs des Gymnasiums hat sich dem Thema „Bibelschreiben“ angenommen und Exponate ausgestellt. Bestimmt hat dieser Projektunterricht großen Spaß gemacht.

Und dann der Abschluss der Schlossbesichtigung: die Fürstengemächer, prachtvoll. Ebenso die Schreibstube des Herrn von Fallersleben. Schön hatte er es hier, umgeben von kostbaren Bücher an seinem Schreibtisch im Sonnenschein ließ es sich bestimmt gut studieren und danach auf dem Sofa mit einem Glas roten Wein sinnieren.

Und dann betrete ich die fürstliche Bibliothek, die sich über 14 Räume erstreckt . Diese Fülle, dieser Reichtum. In matt glänzenden Holzschränken hinter schönen Glastüren reiht sich ein Buch an das Nächste. Ich erfahre, dass der Fürst jedoch mehr Sammler als Leser war. Er kaufte die losen Seiten eines Buches und dann war es Aufgabe des Buchbinders, daraus prächtige Werke zu erschaffen. Sortiert wurde nach Farbe und Stil der kunstvollen Einbände, weniger unter inhaltlichen Aspekten. Studierende der Uni Göttingen sollen nun Ordnung in das Chaos bringen, eine Geduldsarbeit.

Ein Raum ist prächtiger als der Andere - die fürstliche Bibliothek

Ein Raum ist prächtiger als der Andere – die fürstliche Bibliothek

Wo die Diemel auf die Weser trifft

Gemütlich radeln wir weiter die Weser entlang Richtung Bad Karlshafen, der weißen Stadt an der Diemelmündung. Ein Gang um das sanierte Hafenbecken zeigt die Spuren der Vergänglichkeit an den Häuserwänden. Regen zwingt uns zum Abbruch unseres Spaziergangs auf der Promenade. Wir eilen zu unserem Hotel „Zur Rose“. Auch hier ist ein junger Besitzer angetreten und wagt das Unternehmen „Existenzgründung“. Herr Taganov ist sehr engagiert und ich wünsche ihm alles Gute auf seinen Weg, die Rose zum erblühen zu bringen.

Blick auf das Hafenbecken in Bad Karlshafen, umrahmt von weißen Gebäuden

Blick auf das Hafenbecken in Bad Karlshafen, umrahmt von weißen Gebäuden

Vom Reparieren und Ausbessern im Wasserschloss Wülmersen

Nachts schüttet es, doch als wir am nächsten Morgen losradeln ist alles vorbei. Im „Wasserschloss Wülmersen“ schauen wir uns die spannende Ausstellung über das Reparieren und Recyceln an, über das Ausbessern und den kreativen Umgang mit Ressourcen, über den Verfall und die Wegwerfgesellschaft. Angegliedert ist die Ausstellung „Weltspielzeug“ von der Kinderhilfsorganisation Plan. Sehr empfehlenswert. Ein Besuch lohnt sich.

Aufgepeppt: Rollatoren im neuen Gewand im Wasserschloss Wülmersen

Aufgepeppt: Rollatoren im neuen Gewand im Wasserschloss Wülmersen

Die Kloster-Garten-Route eine absolute Empfehlung

Wir sind die Kloster-Garten-Route im Uhrzeigersinn ab Warburg gefahren, weil das für uns einfacher mit Start – Ziel war. Die Strecke ist wirklich wunderschön und mit einem „funktionstüchtigen“ Fahrrad ein Genuss. Man sollte genügend Zeit und Muße einplanen, da die Gärten zum längeren Verweilen einladen und es darüberhinaus so manche Sehenswürdigkeit zu entdecken gibt. Und für Alle, die es lieben nicht auf ausgetretenen übervölkerten Pfaden zu wandeln, eine absolute Empfehlung.

Und auf den letzten 5 km vor der Ankunft in Hofgeismar, bemerkt Thomas, dass das Klappergeräusch von meinem Fahrradständer stammt, der sich beim Umfallen des Drahtesels in Warburg verbogen hatte. Ein gezielter Tritt und vorbei ist alles Scheppern. Meine Beinchen freut es, sind sie doch in den letzten 4 Tagen übermäßig gut trainiert worden. Gezielter Muskelaufbau. Immer positiv bleiben, immer positiv denken, immer positiv reden, grrrrh.

Hier kannst du den 1. Teil dieser Radtour lesen

Lass uns zusammen Leben – Lieben – Lachen
und lauter bunte Sachen machen

Elvira

Septemberfrau 7 Inspirationen50 Jahre – mitten im Leben

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