Berühre mich – Wie Berührungen Körper und Seele streicheln

Berührungen

Das zärtliche Streicheln über meine Hand. Das aufmunternde Klopfen auf meiner Schulter. Der mutmachende Griff um meine Oberarme. Die innige liebevolle Umarmung meines Körpers. Fakt ist: Berührungen tun gut.

Die Macht der Berührungen

Berührungen braucht der Mensch jeden Tag, am besten jede Stunde, denn sie sind für ihn so überlebenswichtig wie Wasser und Nahrung. Sie vermitteln Liebe, Trost, Wärme und Geborgenheit. Berührt zu werden schenkt Selbstvertrauen, baut Ängste und Stress ab und sogar das Immunsystem soll davon profitieren.

Inzwischen ist es erwiesen, dass Frühchen besser gedeihen. Meine Zwillinge entwickelten sich vor 27 Jahren prächtig dabei. Heute gibt es ein Wort dafür: Känguruhn. Kurz, ohne Berührungen fühlen wir uns einsam und allein, darben vor uns hin und auch Schmerzen empfinden wir heftiger.

Vom Körper direkt in die Seele

Bereits ein Blick, ein Streicheln mit den Augen genügt, um deiner Seele Leichtigkeit und Schwung zu verleihen. Kombiniert mit einer Umarmung wird daraus das pure Glücksgefühl.

Jede körperliche Berührung geht bis tief unter die Haut. Sie löst eine biochemische Hormonkaskade aus, die es in sich hat, der wir nicht entkommen können. Das Bindungshormon Oxytocin und das Glückshormon Dopamin sind nur zwei davon. Und allein diese beiden reichen aus, dass wir immer wieder berührt werden wollen. Es kommt einer Sucht gleich, welche Liebe und Vertrauen heisst. Klar, dass wir ständig auf Berührungssuche sind, denn wer möchte freiwillig auf schöne Gefühle verzichten.

Die Angst vor Nähe

Berührt werden kann auch negative Gefühle auslösen. Wenn Erinnerungsfetzen der Vergangenheit aus dem tiefsten Inneren hochkommen und Altlasten, welche uns ein Leben lang begleitet haben, an die Oberfläche gespült werden.

Manche Menschen haben Angst vor körperlicher Berührung, da ihre Kindheitserfahrungen damit alles andere als positiv besetzt sind. Ich erinnere mich an einen freundlichen Onkel aus der Nachbarschaft, bei dessen Umarmung ich mich eingequetscht und ausgeliefert fühlte. Die Folgen sind noch heute eine gespannte Abwehrhaltung und Fluchtreflexe bei bestimmten Berührungen.

Machtansprüche oder sogar gewalttätige Übergriffe sind wohl das Extremste, was durch Berührung signalisiert werden kann.

Die tiefe Sehnsucht nach Berührung

Sie stammt sicherlich daher, dass sich unser Tastsinn in der achten Schwangerschaftswoche noch vor allen anderen Sinnen entwickelt. Wir fühlen also noch bevor wir sehen, hören, schmecken oder riechen können. Nach der Geburt wird das Baby auf den Bauch der Mutter gelegt. Haut berührt Haut. Millionen feinster Härchen und Rezeptoren vermitteln dem Neugeborenen liebevolles Angenommen sein. Fehlende Berührung lässt Kinder verzweifeln. Sie sind in ihrer Entwicklung verzögert, es entstehen seelische Schäden und sie verkümmern. Diese tiefe Sehnsucht nach Berührung begleitet uns von der Geburt bis zum Tod.

Berührungen sagen – du bist nicht allein

Morgens im Bett nach dem Aufwachen mit dem Liebsten eine Weile zusammen kuscheln. Das sind kostbare Momente der Zweisamkeit.

Als Kind kroch ich zu meiner Mutter unter die dicke Federdecke, später meine Kinder zu mir. Heute setzt meine kleine Enkelin die Tradition fort. Kuscheln und knuddeln hilft ihr, voller Selbstvertrauen in die Welt zu schauen und Ängste zu bewältigen. Und obendrein genießt sie das wohlige Gefühl von Wärme und Geborgenheit.

Hände begleiten unser Leben

Hände umfingen uns und trösteten, wenn wir uns als Kinder die Knie aufgeschrammt hatten. Auch bei Liebeskummer und schmerzhaften Gefühlen waren sie stets zur Stelle, strichen uns über das Haar und den Rücken ohne Worte. Hände vermittelten Sicherheit, wenn wir dachten, die ganze ungerechte Welt hätte sich gegen uns verschworen. Hände zeigten uns den Weg, wenn wir nicht wussten, wo es lang ging.

Hände können Denken und Reden

Indem wir etwas berühren, begreifen wir besser. Wir lernen schneller, wenn unser Tastsinn mit ins Spiel kommt.

Geht es dir auch wie mir, wenn ich was erzähle, reden meine Hände mit. Sie flattern durch die Luft, legen sich auf den Arm meines Gegenübers oder fuchteln ihm vor dem Gesicht herum. Dann wieder fangen sie imaginäre Gegenstände aus der Luft, zupfen mal hier und da. Besonders belustigt reagieren meine Mitmenschen, wenn ich auch im Alter von 56 Jahren meine Finger zum Rechnen benutze. Kopfrechnen, damit mein Hirn fit bleibt. Was machen deine Hände, während du redest?

Beim Nachdenken stützen sie mein Kinn, berühren meine Nase, wurschteln mir in den Haaren herum und kratzen mich am Kopf. Das sieht oft blöd aus, könnte man doch meinen, ich hätte Läuse. Habe ich aber nicht – es ist meine besondere Art zu denken.

Übrigens fällt mir gerade beim Schreiben auf, dass ich ständig irgendwo an mir herumfummeln muss, besonders wenn ich längere Zeit am Computer sitze. Die kühle blanke Tastatur erfüllt nicht mein Bedürfnis nach Berührung.

Berühre mich! Wenn das so einfach wäre

In der Welt der online-Kontakte umarmen wir uns nicht mehr. In der Welt der Singles bleibt man unberührt. In der Welt des Großstadtbürgers herrscht Berührungskälte. In der Welt einer älteren Frau nach Trennung oder dem Tod des Partners herrscht sogar akuter Berührungsnotstand.

Hilfe, was soll ich tun? 9 Ideen für Berührungen

  1. Geh raus in die Welt, egal wie schwer es dir fällt, besonders nach einem Schicksalsschlag. Fülle deine sozialen Kontakte mit Leben, bleibe präsent. Fahre in Urlaub, du triffst garantiert auf andere Alleinreisende. Geh mal ins Theater, du findest dort mit Sicherheit gleichgesinnte Singles. Dann brauchst du nur noch Mut zum ersten Gespräch.
  2. Triffst du Menschen, belasse es nicht beim Händeschütteln, sondern berühre auch den Arm. Steht dir jemand näher, dann darfst sollst musst du ihn/sie umarmen. Das tut erst einmal dir gut und geh einfach davon aus, den Anderen ebenfalls.
  3. Nimm deine Kinder, egal wie alt sie sind, herzlich in die Arme und knuddel sie. Ja, ich habe bei dieser Aktion oft genug von ihnen gehört, dass ich peinlich bin. Lass dich von dieser Aussage nicht entmutigen. Meine haben sich irgendwann daran gewöhnt.
  4. Bevor du zwecks Berührung zum Arzt oder sonst wohin gehen musst, versuche es mal als Mitglied in einem Verein, gehe in den Chor oder bekleide ein Ehrenamt. Dort lassen sich neue Kontakte und Freundschaften knüpfen und ein Umärmeln und Schulterklopfen gibt es gratis obendrauf.
  5. Für Berührungen darf man auch mal bezahlen. Gönn dir den Besuch eines Wellnesstempels. Tanke deinen leeren Berührungskanister mit wohltuender Massage durch sanft streichende Hände voll. Damit liegst du sogar im Trend, denn du kannst deinen Berührungshunger als Befreiung vom Stress und Entspannung deklarieren.
  6. Ein Frisörbesuch oder die Kosmetikerin liefern ebenfalls käufliche Streicheleinheiten. Und eine schicke Frisur sowie ein aufgepepptes Gesicht stärkt das Selbstbewusstsein. Du fühlst dich wie neu.
  7. Verrückt oder überlebenswichtig für Singles und Alleinstehende sind organisierte Kuschelpartys. 2004 in New York als Gegenmaßnahme für eingeschlafene Beziehungen zweier Partner erfunden, schwappte die Welle 2005 über den großen Teich nach Berlin. Mittlerweile haben sich diese Partys in vielen Großstädten etabliert.
  8. Dann gibt es noch Amma, die indische Heilige, die jedem nach Berührung lechzenden Menschen umarmt. Das ist alles. Es muss gut tun, denn Millionen Menschen können sich nicht irren.
  9. Ideale Kuschelpartner sind auch Tiere. Meine zwei Katzen, Überbleibsel der Kinder, beantworten jedes Kraulen mit wohligem Schnurren.

Du merkst, es gibt viele Möglichkeiten, Berührungsdefizite auszugleichen. Es liegt in deiner Hand und an deinem Mut zu berühren und berührt zu werden.

Hast du noch mehr Ideen, dann schreib sie in den Kommentar unten.

Lass uns zusammen LEBEN – LIEBEN – LACHEN
und spüren, wie es in den Fingern kribbelt,
wenn sie Menschen berühren und anfassen

Deine Elvira


pro

Dieser Artikel ist mein Beitrag zu Tag 2 im BlogMomentum 2016.

Er wurde neben der „Löffelliste“ immer wieder aufgerufen, angeklickt und am meisten gelesen.

 

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6 Kommentare, sei der nächste!

  1. Liebe Elvira,

    Ein im wahrsten Sinn des Wortes berührender Beitrag. Auch ich rede übrigens mit den Händen. Na ja, Wien war ja sehr lange von Italien geprägt, muss ein Überbleibsel aus früheren Jahrunderten sein 😉

    Einen Tipp habe ich noch:
    Bei uns gibt es die Bussi-Bussi-Gesellschaft (abfällig für eine bestimmte Attitüde in der Schickeria), aber das Prinzip gilt auch im Alltag: Wiener Frauen umarmen sich bei der Begrüßung oder beim Abschied leicht und geben sich auf beide Wangen so eine Art Luft-Kuss. Das können alle machen, die sich freundschaftlich gesonnen, sozial gleichgestellt und sympathisch sind, und es geht auch ohne blöde Hintergedanken zwischen Mann und Frau. (Mit der Mann-Mann-Konstellation wäre ich eher vorsichtig, der slawische Bruderkuss hat sich bei uns noch nicht durchgesetzt ;-)) Die Berührung erfolgt also nicht mit den Lippen sondern mit der leichten Berührung der Oberarme. Meine norddeutschen Freunde sind anfangs ein bisschen verwirrt, wenn ich sie so begrüße, aber gewehrt hat sich noch niemand. Nur die Reihenfolge haben sie manchmal noch nicht raus 😉 (Richtig ist erst links dann rechts)

    Liebe Grüße
    Barbara

  2. Als Masseurin und Physiotherapeutin weiß ich aus meiner Arbeit, wie gut die Berührung einer Massage tut. Und es freut mich, Elvira, dass Du das auch erwähnst. Jemanden Gutes zu tun und zur Entspannung zu bringen, macht mir nach vielen berufsjahren immer noch Freude.

  3. Liebe Elvira,
    welch ein zauberhafter Artikel! Vielen Dank dafür!
    Ich arbeite mit Berührungen……mit ganz leichten dafür ganz tiefen Berührungen. Neben Massagen und Kosmetikterminen ist die CranioSacralTherapie tatsächlich eine ganz tiefe Berührung. Ich selber empfinde es jedesmal als große Freude, wenn das „Verschmelzen“ (nochmal eine andere Qualität von Berührung) geschieht und alles zum Kern kommt! Danke nochmal für diesen schönen Artikel!
    Berührte Grüße
    Diana

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